Dringende Bedürfnisse eines Delinquenten: Itay Tiran als Mörder, Hans Dieter Knebel als Staatsanwalt, Tilman Tuppy als Kerkermeister und Gunther Eckes als Priester.

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Kritik
12/05/2019

„Der Henker“ von Maria Lazar : Einmal Speiben, einmal Spucken

Regisseurin Mateja Koležnik bläst den Einakter „Der Henker“ im Akademietheater inhaltsleer abendfüllend auf

von Thomas Trenkler

Robert Musil, Autor des Jahrhundertromans „Der Mann ohne Eigenschaften“, war auch Theaterkritiker – und er ist nicht der schlechteste Gewährsmann. Er meinte, dass dem Einakter „Der Henker“, 1921 in Wien vom legendären Regisseur G. W. Pabst uraufgeführt, „der Kopf schon vor der Hinrichtung“ fehle.

Burgtheater-Chef Martin Kušej befand die expressionistische, mit romantischen Vorstellungen verquickte Etüde dennoch einer Neuinszenierung wert. Schließlich stammt die Szenenfolge, die eigentlich „Der Mörder“ heißen müsste, von Maria Lazar, einer aus dem assimilierten jüdischen Großbürgertum stammenden, ziemlich querköpfigen Autorin, die erst vor wenigen Jahren über ihren autobiografischen Debütroman „Die Vergiftung“ wiederentdeckt wurde. Sie hatte 1933, nach der Machtübergabe an Adolf Hitler in Deutschland, Wien verlassen und war über Dänemark nach Stockholm ins Exil gegangen.

Die Lebensgeschichte der unbeirrbaren und Jahrzehnte vergessenen Maria Lazar, die ab 1930 unter dem nordisch klingenden Pseudonym Esther Grenen schrieb, sollte trotzdem nicht der Grund sein, ein unerhebliches Stück, basierend auf einem etwas verqueren Gedankenkonstrukt, auf die Bühne des Akademietheaters zu wuchten. Denn die Kritik von Musil, im Programmheft prominent und sozusagen proaktiv auf Seite 3 abgedruckt, stimmt.

Wir erleben die letzte Nacht eines Delinquenten in seinem Kerker, angekettet wie Florestan im Klischee-„Fidelio“. Nur ist er alles andere als unschuldig. Dieser animalische Mörder, „den Kopf gesenkt wie ein Stier im Anlauf“, rühmt sich lüstern seiner Bluttat. Und er versteht, wie später Hannibal Lecter, teuflisch zu manipulieren. Indem er zum Beispiel eine ehrbare Dirne anstiftet, einem verkrüppelten Freier die Kehle durchzuschneiden. Da flackert natürlich die Petroleumlampe im düsteren Kerker neben der Strohpritsche.

Pflichterfüllung

Der Delinquent begehrt als letzten Wunsch ein Treffen mit seinem Henker. Dies wird sogar, man glaubt es kaum, ermöglicht. Und dem Mörder passt es ganz und gar nicht, dass der Scharfrichter nur seine Pflicht erfüllt, also keinen Lustgewinn aus seinem Geschäft zieht. Auch die anderen Figuren auf Seiten der Obrigkeit, der Staatsanwalt und der Priester, führen die Pflichterfüllung ins Treffen. Aus dieser Grundsituation entwickelt sich jedoch keine Debatte etwa über Mitschuld und Verantwortung.

Trotzdem hat man den Einakter hoch ästhetisch auf 90 Minuten aufgeblasen. Mateja Koležnik, die zuletzt, vor einem Jahr, im Theater an der Josefstadt mit einer eiskalten Interpretation von Arthur Schnitzlers „Der einsame Weg“ beeindruckt hatte, erzählt die Geschichte dieser letzten Nacht gleich in zwei Varianten. Nach „Drei Mal Leben“ (von Yasmina Reza) nun also zwei Mal Sterben.

Um zu episodenhaft dargebotenen Varianten zu gelangen, operiert Koležnik mit Textauslassungen, Dazuerfindungen und Schwerpunktverlagerungen. Das eine Mal setzt sich Itay Tiran als Delinquent mit Undercut ungeniert, die Hosen heruntergezogen, vor dem Staatsanwalt (Hans Dieter Knebel) auf das Nirostaklo; das andere Mal verspürt er kein dringendes Bedürfnis. Das eine Mal trinkt er schluckweise Wasser, das andere Mal lässt er es bleiben.

Ob die Schauspieler nun gerade Dr. Jekyll oder Mister Hyde spielen, erkennt man an der Kostümierung (von Ana Savić-Gecan): Im grauen Sträflingsanzug spuckt Itay Tiran dem Priester herablassend, arrogant ins Gesicht; im Unterziehleibchen hingegen speibt er, nun eher geistig abnormer Rechtsbrecher, ins Klo. Gunther Eckes ist je nach Variante streng zugeknöpfter Gottesmann in Soutane oder kumpelhafter Seelsorger, der nebenbei Nüsschen nascht.

Hochsicherheitstrakt

Die Hure verschafft sich mit wundersamen Blowjobs Zutritt zum Delinquenten im Hochsicherheitstrakt. Sarah Viktoria Frick trägt abwechselnd und logischerweise persönlichkeitsverändernd Silberglitzerstiefel oder High Heels (in der Trendfarbe türkis). Martin Reinke darf den Henker mit piepsheller Stimme zwischen kleinbürgerlicher Jammergestalt und absurder Witzfigur anlegen, die ein Klappmesser aus der Hosentasche zieht, um die Henkersmahlzeit zu tranchieren.

Das Beste bleibt das raffinierte Bühnenbild von Nestroypreisträger Raimund Orfeo Voigt, das dem Prinzip der „Wundertafel“ folgt: Man wischt einmal über die Fläche – und hat wieder die ursprüngliche, graue Zeichenunterlage. Den Abend zu retten vermag es dennoch nicht.