Kultur
07.07.2018

"Alle, außer mir": Der große italienische Familienroman

Francesca Melandri und "Alle, außer mir". Man scheut freilich das Wort "perfekt", aber ...

Als ihm zum ersten Mal so ein G’scheiter gesagt hat, dass wir alle einmal sterben müssen, war seine Antwort:
„Alle, außer mir.“
Neun war er damals. Jetzt ist Attilio Profeti  93. Er steht in Hausschlapfen auf der Straße und weiß nicht, warum. Seine drei Söhne und seine Tochter erkennt er nicht mehr. Es wird schwierig, von ihm jetzt Antworten zu bekommen.
Es wäre genügend Zeit gewesen.

Zu seiner Tochter Ilaria Profeti , einer linksliberalen römische Lehrerin, die  seit vielen Jahren  eine Affäre mit einem rechten Politiker hat ... großartige Nebenhandlung: Kann sie unter solchen Umständen denn überhaupt Sex haben?
Ja, verzweifelten Sex!
... zu ihr war ein junger Afrikaner gekommen. „Wenn Attila Profeti dein Vater ist“, hat er gesagt,  „dann bist du meine Tante.“
 Ein  Enkel des alten Familienpatriarchen. Der Sohn eines unehelichen, geheim gehaltenen Sohn.
Und der Sohn? Tot.
Vater hatte über einen Mittelsmann zu seiner Zweitfamilie in Afrika stets Kontakt gehalten. Und los geht’s:
 „Alle, außer mir“ ist ein lang ersehnter großer italienischer Familienroman. Das ist und bleibt er – wenngleich die (man zögert – aber ja!) PERFEKTE Romanschriftstellerin Francesca Melandri auch Rom unter Berlusconi porträtiert: als eine „maßlose Schöne, aus der es Scheiße regnet“.
Er bleibt Familienroman  – wenngleich es auch eine Flüchtlingsgeschichte ist. Äthiopien ist kein freies Land. Der junge Afrikaner  kam über den Sudan, die Sahara, Tripolius, das Mittelmeer, den Stiefel hinauf nach Rom in den 6. Stock zu  Ilaria Profeti.
Dafür brauchte er drei Jahre. War Attilio in Addis Abeba, dauerte die Reise nicht einmal acht Stunden.
Alle fließt aufs Schönste, Schlimmste und mündet in die Familiengeschichte ... auch der Kolonialismus, der  eine große Rolle  spielt.

Denn nie wurde aufgearbeitet, was die Italiener bis 1947 in Eritrea und Somalia Grausames angerichtet hatten. Dass in Abessinien ( Äthiopien) bis zu 700.000 Menschen getötet wurde, zum Teil mit Senfgas, hat zu keinerlei Wiedergutmachung  geführt.
 Berlusconi drehte bereits durch, als ihn ein ausländischer Journalist auf den Faschismus ansprach: Das sei lange Zeit her, und „eine Schande!“ Nicht Mussolini. Sondern die Erinnerung daran sei „eine Schande“.
Das Land schweigt seit gut 70 Jahren, der Vater schwieg 70 Jahre.
„Papa, erinnerst du dich an Abeba?“ – „Möchtest du noch ein Bonbon?“ – „Sie war eine Frau.“ – „Ach ja?“
Es wird noch Erschütterungen geben in der Familie Profeti. Man wird sie spüren. Und man wird Angst bekommen, selbst Fragen zu stellen bzw. nachzuforschen.

Aber ...


Francesca
Melandri:

„Alle, außer mir“
Übersetzt von
Esther Hansen.
Wagenbach
Verlag.
608 Seiten.
26,80 Euros.

KURIER-Wertung: *****