Albert Camus 1957

© /Robert Edwards

Literatur
02/23/2016

"Der Araber" hat einen Namen

Albert Camus’ Erzählung "Der Fremde" in der Version des Algeriers Kamel Daoud.

von Peter Pisa

Der einflussreiche algerische Journalist Kamel Daoud hat einen Roman gegen das Schweigen, das Verschweigen geschrieben.

Er hat auch kürzlich laut gesagt, der "Islamische Staat" und Saudi-Arabien gehören für ihn zusammen, denn der radikale Islam sei wie ein Auto, er läuft mit Öl …

Aber am Wochenende verkündete der 45-Jährige, er werde sich in Zukunft nicht mehr öffentlich äußern, er werde schweigen. Der KURIER berichtete.

Denn in mehreren europäischen Zeitungen hatte er das "kranke Verhältnis zur Frau, zum Körper und zum Begehren" in arabischen Ländern beklagt, und daraufhin wurde er gescholten, weil er Islamfeindlichkeit schüre.

Deshalb will er seine journalistischen Arbeiten demnächst einstellen.

Als vor rund einem Jahr ein selbst ernannter salafistischer "Imam" über soziale Netzwerke zum Mord an Kamel Daoud aufrief, reagierte er gelassener: Nein, er beabsichtige nicht, ins Exil zu gehen.

Unfähig

In Kamel Daouds vielbeachtetem Roman "Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung", der Ende vergangener Woche auch auf Deutsch erschienen ist, wird nur am Rande erwähnt, dass Gott keine Antwort sei, sondern eine Frage und außerdem unfähig. (Das Buch hat übrigens NICHT, wie immer geschrieben steht, 2015 den renommierten Literaturpreis Prix Goncourt gewonnen, sondern den Nebenpreis fürs beste Debüt.)

Muslime verletze er dadurch nicht, hat Daoud gesagt, sondern nur Islamisten. Die seien schon allein durch "unser Leben" verletzt, durch Gelächter, Frauen … "Sie lieben den Tod, nicht das Leben."

25-mal

"Der Fall Meursault" ist vor allem die Neuversion von Albert Camus’ "Der Fremde".

In dem Klassiker von 1942 erschießt in der grellen Hitze Algiers der absurd gleichgültige Franzose Meursault am Strand einen namenlosen Araber.

Man kann sagen: Seit sieben Jahrzehnten stirbt immer, wenn jemand dieses Hauptwerk des Existenzialismus liest, ein Mensch, dem Camus keinen Namen gegeben hat, bloß "der Araber".

Gezählte 25-mal:

"der Araber".

Dem späteren Nobelpreisträger, der aus einer algerischen Familie stammte, wurde das gleich zum Vorwurf gemacht ("Neo-Kolonialismus") – andererseits: Der Mörder kannte doch den Namen des Ermordeten gar nicht. Er wäre ihm außerdem herzlich egal gewesen, alles war ihm egal, genau darum geht’s ja …

Jetzt aber wird er nicht mehr verschwiegen, Moussa hieß er. Sein Bruder, ein gottloser Trinker, lädt uns auf ein Glas ein, damit wir bleiben und zuhören, wenn er Moussa vorstellt, auch seine Familie, seine Mutter – mit der Daouds Roman beginnt:

"M’ma lebt – immer noch." Das ist Kontrastprogramm zu Camus’ berühmtem ersten Satz: "Heute ist Mama gestorben."

Retourkutschen

Und es wird in der Neuerzählung ein dicker, schwitzender Franzose getötet. War ja zu erwarten. Immerhin bekommt er einen Namen, Joseph.

Aber Retourkutschen wegen des Mordes an Camus’ Araber gibt es in der algerischen Literatur seit den 1950er-Jahren, und jetzt ist eine ganz schlechte Zeit für so etwas.

"Der Fall Meursault" ist trotzdem reizvoll, gar keine Frage. Aber die Verlagswerbung auf dem Buchumschlag, wonach Daouds Roman "jetzt schon ein Klassiker" sei , "gleichauf mit dem Meisterwerk von Camus", die ist ein unnötiger Witz.

Kamel Daoud:
„Der Fall Meursault –
eine Gegendarstellung“
Übersetzt von Claus Josten.
Kiepenheuer & Witsch.
208 Seiten.
18,50 Euro.

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