Warum im Kontext der Schau „Das Wiener Modell der Radikalisierung“ am Rande des Heldenplatzes der „aufsehenerregende Skandal um das ,Bildnis Wally‘“ nacherzählt wird, erklärt sich nicht wirklich.

© Lorenz Paulus/hdgö

Kultur
11/10/2021

Deportationen in der NS-Zeit: Und dann im Gaswagen zum Getto

Zwei Ausstellungen im öffentlichen Raum von Wien beschäftigen sich mit den Deportationen, die systematisiert im Herbst 1941 begannen

von Thomas Trenkler

Die Fakten sind bekannt – und trotzdem immer wieder erschreckend. Im Oktober 1940 brachte Gauleiter Baldur von Schirach bei Adolf Hitler seinen Plan vor, Wien als erste Großstadt im Deutschen Reich „judenfrei“ zu machen. Zunächst, im Februar und März 1941, gab es nur vereinzelte Transporte; am 15. Oktober jenes Jahres verließ der erste Zug mit 1.000 Jüdinnen und Juden den Aspangbahnhof – mit dem Getto Litzmannstadt (Lodz) als Ziel. Damit begannen die systematisierten und reichsweiten Deportationen: Allein aus Wien folgten 39 Transporte mit Zehntausenden Menschen in die Konzentrations- und Vernichtungslager.

Radikalisierung

Zum 80. Jahrestag geben gleich zwei „Ausstellungen“ (ohne Objekte) im öffentlichen Raum darüber Auskunft. Das Haus der Geschichte Österreich erklärt auf neun Dreiecksständern unter dem Titel „Das Wiener Modell der Radikalisierung. Österreich und die Shoah“ (bis 10. Dezember) ausführlich die Vorgeschichte. Etwa mit der 1938 eingerichteten „Zentralstelle für jüdische Auswanderung“, die sozusagen ein Pilotprojekt war.

Natürlich gehen auch die Stellwände im Wiener Hauptbahnhof auf den Antisemitismus vor dem „Anschluss“ Österreichs und die nachfolgenden „Arisierungen“ ein. Im Fokus stehen aber „80 Jahre Deportationen Wien – Riga“ (bis 30. November): In nur drei Monaten (ab dem Dezember 1941) verbrachten die NS-Schergen ca. 4200 Jüdinnen und Juden vom Aspangbahnhof ins Ghetto nach Riga. Die meisten Menschen – darunter viele Kinder – wurden nach achttägiger Fahrt unter unvorstellbar grausamen Bedingungen unmittelbar nach der Ankunft erschossen.

Im Februar 1942 traf der letzte nach Riga abgefertigte Transport am Bahnhof Skirotava ein. Man bot den Menschen, denen der kilometerlange Fußmarsch zum Ghetto zu beschwerlich erschien, eine Fahrt im Lastkraftwagen an. Es handelte sich dabei um getarnte Gaswagen. Von den 1.000 aus Wien Deportierten erreichten nur 300 das Ghetto zu Fuß. 400 meist ältere Menschen wurden im Wald vom Rumbula ermordet. Insgesamt überlebten nur etwa 100 Jüdinnen und Juden das Ghetto, die Zwangsarbeit bzw. die Einweisungen in diverse Konzentrationslager.

Besucherfrequenz

Auf die Frage, warum die Informationstafeln im Hauptbahnhof und nicht auf dem Areal des ehemaligen Aspangbahnhofs aufgestellt wurden, erklärte Kuratorin Milli Segal, dass es darum gegangen sei, niederschwellig die Passanten zu erreichen. In der Tat bleiben viele Menschen stehen, um sich über die Fakten und die präsentierten Einzelschicksale zu informieren. Die Besucherfrequenz im toten Winkel des Heldenplatzes (zwischen Burgtor und Weltmuseum) ist ungleich geringer.

Die Schau im Hauptbahnhof, die auch in Riga gezeigt werden soll, entstand als Projekt der Stadt Wien in Kooperation mit den Bundesbahnen und dem Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus. Jene auf dem Heldenplatz in Kooperation mit der Akademie der Wissenschaften, der Universität Wien sowie dem Verein zur Förderung kulturwissenschaftlicher Forschungen. Sinnvoll wäre es wohl gewesen, die Ansätze zu bündeln – und gemeinsam eine große, würdige Ausstellung zu realisieren.

 

 

Zentrales Element im Hauptbahnhof ist eine große Osteuropakarte, auf der sämtliche Deportationszüge aus Wien, alle Konzentrations- und Vernichtungslager eingezeichnet sind – mit genauen Angaben und Daten. Auf dem Heldenplatz geht es auch um die Nachkriegszeit, in der sich Österreich heuchlerisch in der Opferrolle gefiel.

Warum im Kontext der Schau „Das Wiener Modell der Radikalisierung“ (die in der Folge durch österreichische Kulturforen tourt) der „aufsehenerregende Skandal um das ,Bildnis Wally‘“ nacherzählt wird, erklärt sich nicht wirklich. Das Gemälde von Egon Schiele aus der Sammlung Leopold wurde im Dezember 1997 in New York beschlagnahmt, es folgte ein jahrelanger Prozess um die Restitution. Schade also um die vergebene Chance. Aber bereits in fünf Jahren gibt es die nächste Gelegenheit. Sie wird sich auch von jenen, die sich über die Aufarbeitung der NS-Zeit zu profilieren versuchen, genutzt werden.

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