Denis Scheck und die Frage, wie flapsig Literaturkritik sein darf

Die Autorinnen Ildiko von Kürthy und Sophie Passmann wehren sich gegen provokante Kritik des TV-Moderators Denis Scheck.
Titel: Druckfrisch
Untertitel: Neue Bücher mit Denis Scheck

Seit Jahren macht Denis Scheck etwas, das nur wenige Menschen mitbekommen. Er macht es nämlich an einem Sonntag gegen Mitternacht. In der ARD-Sendung „Druckfrisch“ stellt er monatlich neue Bücher, Autorinnen und Autoren vor. Und als auflockerndes Element mittendrin geht er die Spiegel-Bestsellerliste durch, abwechselnd die meistverkauften Romane und Sachbücher. Was er für Mist hält, bekommt die entsprechende Behandlung: Das Buch landet mit einer pointierten Begründung in der Mülltonne.

Das ist natürlich provokant, aber seine Art, zu zeigen: Der Titel Bestseller kommt eben nicht unbedingt davon, dass hier die besten Bücher stehen. Unverdrossen bugsiert Scheck etwa jeden neuen Qualthriller von Sebastian Fitzek in den Kübel, zuletzt attestierte er ihm, „indiskutablen Schrott“ fabriziert zu haben. Fitzek hält dessen Kritik für „belanglos“. Nachvollziehbar, denn an seinen Verkaufszahlen ändert sich durch den Furor des Denis Scheck ohnehin nichts.

„Respektlosigkeit“

Diese Zahlen sind auch für Sophie Passmann und Ildiko von Kürthy ganz gut. Denis Scheck hat ihre Bücher „Wie kann sie nur?“ und „Alt genug“ – Platz 1 und Platz 2 der Sachbuch-Charts – vor zwei Wochen der Mülltonne anvertraut. Passmann will die Kurzkritik „Wasserstandsmeldungen aus den Seichtgebieten eines trüben Bewusstseins“ nicht auf sich sitzen lassen. In einem – leicht verzögerten – Instagram-Posting warf sie dieser Tage Scheck Sexismus vor und dass er die Angewohnheit habe, „Bücher von Frauen, die von weiblichen Lebensthemen handeln, mit einer Arroganz und Herablassung zu behandeln, die zeige, dass er sie so unspannend und widerlich findet, dass er sich nicht mal die Arbeit macht, sie richtig zu verreißen“.

Ildiko von Kürthy, deren Buch Scheck das Gütesiegel „Nachrichten aus der Schnatterzone einer Damentoilette auf einer Hochzeit“ verlieh, hatte nun nach vielen Verrissen durch den Kritiker, den sie trotzdem bis dahin geschätzt hat, genug. „Und jetzt bin ich endlich alt genug, um so eine Respektlosigkeit, so eine Verachtung der lesenden und schreibenden Frauen nicht mehr kommentarlos hinzunehmen.“

Auch Heidenreich meldet sich

Tatsächlich erschien die geballte Frauenbücher-Wegwerfwut in der jüngsten Sendung ein wenig drastisch, war man doch schon zusammengezuckt, als er gesagt hatte: „Wie kann man die Hölle auf Erden erleben und dann eine Hymne auf das Leben schreiben? Ich war mir durchaus nicht sicher, ob ich mich wirklich einem Buch aussetzen wollte, das die Geschichte Gisèle Pelicots erzählt.“ Es folgte aber eine beeindruckte Empfehlung des Buchs. So wie in dieser Sendung vier Bücher von Frauen nicht nur dem Tonnenschicksal entrannen, sondern wärmstens empfohlen wurden. Misogynie sieht ein bisschen anders aus.

Auch Elke Heidenreich, langjähriges Entsorgungsopfer, meldete sich zu Wort. Sie will gleich die ganze Sendung – eine der wenigen, die sich ernsthaft mit Literatur beschäftigt – wegschmeißen. „Um Mitternacht vom Teleprompter abgelesene Bosheiten bewirken gar nichts. Im Guten nicht, im Schlechten nicht, dass die ARD so was seit Jahren finanziert, ist so sinn- wie stillos. Kulturauftrag sieht anders aus.“

Als sie noch selbst eine Literatursendung hatte, hätte sie das wohl nicht geschrieben.

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