© Kurier/Franz Gruber

Kritik
02/22/2020

Deichkind in Wien: Dada, Gaga, Naja, Haha

Das deutsche Kollektiv macht hohe Kunst mit tiefem Material, darunter: Männerballett in kurzen Hosen. Besser geht's nicht, obwohl es schon mal besser war.

von Georg Leyrer

Lars Eidinger liegt rum, und, huch, der Kameraschwenk zeigt seinen Pinsel. Und dann: ihn als Pinsel.

Der Schauspieler, nackig, an den Füßen angekettet und hochgezogen, taucht im Eröffnungsvideo des Deichkindkonzerts in der Wiener Stadthalle ein in ein Fass Yves-Klein-Blau. Und wird dann über riesiges weißes Tuch gerollt, bis ein freundliches Schüttbild entsteht, das prompt im echten Bühnenhintergrund auftaucht: Welch schöne Kulisse für das Spaßorgien-Kiffermysterien-Theater des deutschen Kollektivs.

Deichkind will Kunst, und zieht Kunst durch den Kakao wie Eidinger durch die Farbe, und dazu Hip-Hop und Deutschland und alles. Besser geht's nicht, obwohl man sie schon besser gesehen hat.

Souveräner kann man popkulturelles Material nicht beherrschen, aufnehmen, durchironisieren und denn, klein zusammengeknüllt, aber funktionstüchtig, wieder ausspucken: Deichkind sind das, was passiert, wenn Hip-Hop auf Deutschland trifft, genauer: auf deutsche Humorgründlichkeit und Kunsthandwerklichkeit.

Dann nämlich wird er effizient in seine Anteile zerlegt. in den Spaß, der hochgeschraubt wird, in die Coolheit, die nachgemacht und verfälscht und als nachgemachte und verfälschte und dadurch wieder glaubwürdie Coolheit wieder in Umlauf gebracht wird, und in die Widerständigkeit: Deichkind sind, auch, der gut gelaunte, kiffermoralische Gegenentwurf zur Zornwelt, zum Generationenkampf. Lasst uns doch lieber gemeinsam lustig und gescheit sein.

Zu diesem Zweck stehen eingangs sieben kleine Deichkind-Minions auf der großen Bühne, und zeigen dort - in der ins comichafte verfälschten Hip-Hop-Montur - eine deutschstampfige Rumlaufchoreografie.

Die läuft mit der eingeschränkten Eleganz von Viertelnoten - eins, zwei, drei, vier - ab statt in den synkopierten Zweiunddreißigsteln, mit denen Hip-Hop-Tanz außerhalb von Marschmusikland begeistert. 

Vor, zurück, links, rechts, schräg, wie eine Boy-Band. die sich nach einem Vierteljahrhundert für einen am Schluss ein bisserl traurigen Abend nochmal zusammentut. Es ist wundervoll, ein Männerballett in kurzen Hosen, Parodie und Schmäh und Selbsterkenntnis treffen hier auf den Punkt.

Es ist nur das erste vieler absurder Bilder. Deichkind sind nah am Dada gebaute Synchronarbeiter im Beatwerk.

Also weiter: Mit einem riesigen Rucksack trappelt zugleich einer dieser Deichkind-Minions über die Bühne, berappt den besten Stoff, schwer zu kriegen, den er mitbringe.

Lüpft den Rucksackdeckel, es dampft heraus wie in einem feuchten Kiffertraum.

Der Deichkind-Minion trippelt wieder von der Bühne. Man versteht genau, warum die Kiffer immer kichern.

Zu all diesem Kleinkunsttheater gibt es, im Idealfall, Partybeats und gescheite, im Heute informierte Texte, Hymnen unserer Zeit. "Arbeit nervt" summen wir auf dem Weg in die selbe, "Bück dich hoch" im Arbeitsalltag, "illegale Fans" auf dem Weg vom Deichkindkonzert nachhause.

Beim Konzert gibt's ein bisserl Billie Eilish als Draufgabe und eine Fahrt auf dem Bürosessel im Rückwärtsgang (tun wir das nicht alle jeden Tag!), es trapsen übergröße Köpfe wie in einem schweren Traum von Andre Heller über die Stadthallenbühne, und die typischen Deichkind-LED-Pyramidenhüte - Kraftwerk, schaut's oba - spielen ganz neue Lichtstückerln.

Schad, dass die Show ein bisschen mehr rumsteht als sonst, dass einige der neuen Songs nicht ganz so zünden. Man hat das schon besser gesehen, obwohl man nichts besseres sehen kann.

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