Jens Harzer als Oscar Wilde: Was soll das noch toppen?
Die Salzburger Festspiele wurden noch nicht einmal offiziell eröffnet, noch befindet sich das Festival in der Phase der Ouverture Spirituelle, einer Art Zwischenreich von langsamer Aufwärmübung und künstlerischem Dauerfeuer – und schon ist von einem Ereignis zu berichten.
Von einem Abend auf einem künstlerischen Niveau, das die Frage aufwirft, wovon das noch getoppt werden sollte.
Die Aufführung heißt „De Profundis“, ist ein leider nur einmaliges Gastspiel des Berliner Ensembles in der Regie des dortigen Chefs Oliver Reese und der Auftakt zum ersten Schauspielprogramm, das der (seit drei Monaten Ex-)Intendant Markus Hinterhäuser konzipiert hat, nachdem er sich von seiner künstlerisch erfolglosen Schauspielchefin Marina Davydova im Streit getrennt hatte.
Der Titel stammt aus dem Psalm 130 („De profundis clamavi ad te Domine“ – „aus der Tiefe, Herr, rufe ich zu dir“) und bezeichnet hier einen Brief, den der 1895 wegen Unzucht inhaftierte Oscar Wilde aus dem Gefängnis an seinen Liebhaber Lord Alfred Bruce Douglas geschrieben hatte. Ein Meisterstück an Formulierungskunst, bei dem jeder Satz enormes Gewicht hat, obwohl er so leicht daherzukommen scheint.
Wilde blickt auf diese Beziehung zurück, auf alles, was falsch lief damals in Brighton, einer Hochburg der Queerness. Er schreibt über Selbsterkenntnis: „Der wahre Narr ist der, der sich selbst nicht kennt.“ Über „das schlimmste Laster: Oberflächlichkeit“, über „Hass, der alles nährt“, über Liebe, deren einziges Ziel es sei zu lieben und vor allem über Kunst, den „großen Urton“. Die Tonalität ist todtraurig, die Musikalität der Sprache beeindruckend.
Virtuos
Vor allem dann, wenn sie von Jens Harzer, dem Iffland-Ring-Träger und neuen Berliner Ensemble-Mitglied, in einem Kraft- und Bravourakt auf die Bühne gebracht wird, der in jeder Hinsicht seinesgleichen sucht. 1:45 Stunden lang wird Harzer zu Wilde, taucht ein in die Psyche, in die Abgründe und Sehnsüchte des großen englischen Autors und Dandys und zeichnet virtuos ein Künstlerporträt, wie es packender nicht sein kann. Die Wortdeutlichkeit, mit der Harzer, wie ein Sänger, in den feinen lyrischen Momenten, aber auch in den dramatischen Ausbrüchen agiert, seine Kunst der Phrasierung, sein tenorales Timbre mit dem Farbenreichtum machen den Abend zu einem durchaus musikalischen und zeigen, wie verwandt diese Genres im Innersten sind.
Die ganze Zeit hindurch steht, sitzt oder kauert Harzer in einem etwa vier Meter hohen und 90 cm breiten Kubus, mit schwarzem Anzug und Krawatte, ganz eleganter Herr. Mit der Zeit verfällt er jedoch auch optisch, wird mit Zuckungen zum Tier in seinem Käfig, beißt in einen toten Vogel und sich seinen eigenen Arm blutig.
Das geometrische Gebilde schwebt inmitten der Bühne, ist anfangs schwarz, dann weiß, ganz kurz gelb, die Farbe der Eifersucht. Und immer wieder wird es auf der Bühne ganz dunkel, was dem Text zusätzlich Struktur verleiht.
Man muss lange nachdenken, welcher Theaterabend einen in seiner Simplizität und Intensität zuletzt so berührt hat – und findet vielleicht keine Antwort.
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