Veronika Glatzner zwischen ionischen Säulen: Monolog einer in der Seilbahn verbrannten Mutter

© Bettina Frenzel

Theaterkritik
01/09/2020

"Das Werk": Kurzschluss zwischen Kraftwerk und Katastrophe

Jelineks „Das Werk“ fulminant im Wiener Kosmos Theater: Claudia Bossard spannt den Bogen von der Farce zur Tragödie.

von Thomas Trenkler

Elfriede Jelinek liebt geradezu das Sprachspiel, die Doppeldeutigkeit und das Wortgeklingel. Das kann brüllend komisch sein, das kann aber auch sehr, sehr wehtun.

In ihrem Stücktext „Das Werk“ über Kaprun, 2003 uraufgeführt, verschränkt Jelinek den Bau des Wasserkraftwerks – in den 20er-Jahren geplant, in der NS-Zeit mit Zwangsarbeitern begonnen und 1955 als triumphales Zeichen des wiederauferstandenen Österreichs vollendet – mit der Tragödie vom 11. November 2000: Bei einem durch einen Heizlüfter ausgelösten Brandunglück im Tunnel der Standseilbahn auf das Kitzsteinhorn starben 155 Menschen – und damit ähnlich viele wie beim Bau des Kraftwerks. Man könnte auch sagen: Die Autorin schloss die durch Strom miteinander verbundenen Ereignisse kurz.
Warum das Kosmos Theater, im Jänner 2000 mit einer Jelinek-Rede eröffnet, das Jubiläum gerade mit diesem Stück begeht, erschließt sich nicht. Aber die Schweizer Regisseurin Claudia Bossard gestaltete einen äußerst sehenswerten Abend, der zunächst mit unglaublich viel Witz gehörig vor den Kopf stößt.


Denn im Ambiente eines Fernsehtalkstudios (Ausstattung: Elisabeth Weiß) diskutierten vier Germanisten, alle in Bergschuhen, über das Werk von Jelinek. Nein, nicht über das Stück, sondern über das Gesamtwerk und diverse Aspekte, darunter die anhand des Schweinsbraten abgehandelte Essensmetapher.

 

Literarisches Quartett

Veronika Glatzner, Alice Peterhans, Wojo van Brouwer und Tamara Semzov gelingen als „Jelinekianer“ wunderbare Karikaturen. Vor dem projizierten Bild eines Bergmassivs schneidet man sich versiert das Wort ab, man beherrscht das hochtrabende Philosophen-Namedropping und wirft bedeutungsschwer Titel ein, darunter „Schwarzwasser“, als sei Jelineks Stück über Ibiza, das am 6. Februar im Akademietheater uraufgeführt werden wird, schon längst Allgemeingut. Natürlich wird auch paraphrasiert – unter anderem aus Jelineks Dramenband „In den Alpen“. Und flugs ist das literarische Quartett im „Werk“ gefangen.

Dem anfangs stummen Diener kommt mit der Zeit eine zentrale Rolle zu: Lukas David Schmidt stemmt die größten Textbetonblöcke – und er singt engelsgleich den Freddy-Quinn-Schlager „Junge, komm’ bald wieder, bald wieder nach Haus’ / Junge, fahr’ nie wieder, nie wieder hinaus“. Hin und wieder dröhnt als Videoeinspielung (von Annalena Fröhlich) ein monströses Schiff vorbei.

Bevor die Darbietung zur Nummernrevue abzudriften droht, hebt Veronika Glatzner zwischen ionischen Säulen zum beklemmenden Monolog einer in der Seilbahn verbrannten Mutter an. Und so endet der bejubelte Abend als große griechische Tragödie.

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