Kultur
03.08.2018

Das war der Tätowierer von Auschwitz

Lale Sokolov erzählte erst kurz vor seinem Tod vom Überleben und Lieben im KZ. Das Buch dazu erschien jetzt auf Deutsch.

2003 weinte er das einzige Mal nach dem Krieg.
Er hatte zu viele Leichen gesehen, angefangen gleich nach seiner Ankunft im Lager: am Abend, zwei inhaftierte Kinder saßen auf einer Latrinenstange, zwei SS-Männer plauderten in der Nähe miteinander, sie lachten, sie zogen ihre Pistolen, einfach so ...
2003 weinte der Slowake Ludwig “Lale“ Eisenberg, der später den Namen auf Sokolov geändert hatte und nach Australien ausgewandert war. Denn 2003 starb seine Ehefrau Gita.
Danach organisierte er rasch jemanden, der seine Geschichte aufschreibt: die neuseeländische Drehbuchautorin Heather Morris.
„Sie müssen schnell arbeiten. Ich habe nicht mehr viel Zeit.“  – „Müssen Sie irgendwohin?“
„Ja. Ich muss zu Gita.“
Sokolov berichtete ihr über einen Zeitraum von drei Jahren, zwei bis drei Mal wöchentlich. Als alles gesagt war, „damit so etwas nicht wieder geschieht“, starb auch er, 90 Jahre alt.
Lale Sokolov war „Der Tätowierer von Auschwitz“.

Mehr Brot

Heather Morris Buch ist diese Woche auf Deutsch erschienen.  Der dokumentarische Stil Erich Hackls (aktuell: „Am Seil“) wäre wünschenswert gewesen.
Morris hat möglichst alles in Dialoge verpackt. Egal – viel falsch konnte man nicht machen bei dieser Erzählung von Gräueltaten, Menschlichkeit, Liebe.
Lale war Jude. Er wurde 1942 ins KZ Auschwitz-Birkenau deportiert, wo man ihn zur Nummer 31407 machte. Durch seine  Sprachenkenntnisse fiel er den Deutschen auf, die Arbeit als Tätowierer verschaffte ihm zusätzliches Brot, das er aufteilte
 Schmuck aus dem Gewand der in den Gaskammern Vernichteten tauschte er bei Arbeitern, die nicht gefangen waren, gegen Wurst und Schokolade. Einige Wertgegenstände behielt er.
Lale fand es nicht verwerflich – nicht Juden habe er bestohlen, sondern Nazis.
Gita sah er zum ersten Mal, als er ihr die Nummer 34902 in den Arm schrieb. Seit diesem Tag passte er auf sie auf.
Sokolov schämte sich nach dem Krieg. Deshalb schwieg er 50 Jahre. Er stand gewissermaßen auf Seiten der SS und überlebte dank Privilegien. Er  ließ Unrecht geschehen. Das kritisierte er an sich.
„Die wahre Geschichte des Lale Sokolov“ will sagen, für Selbstvorwürfe habe es keinen Grund gegegen. Er habe überleben wollen, und hinter dem Rücken der Wärter habe er anderen geholfen.
Allerdings zeigt der Fall der aus Bratislav verschleppten Cilka Auffassungsunterschiede: Cilka war von einem SS-Hauptmann mit Schlägen zur Geliebten erzogen worden. Als Nazi-Verschwörerin wurde sie 1945 zu 15 Jahren Strafarbeit in Sibirien verurteilt.

 

Heather
Morris:
„Der
Tätowierer von Auschwitz
Übersetzt von
Elsbeth Ranke.
Piper Verlag.
303 Seiten.
16,50 Euro.

KURIER-Wertung: ****