Schauspieler Udo Samel als Cornelius Gurlitt

© dpa-Zentralbild/Britta Pedersen

Schwabinger Kunstfund
10/18/2015

Das Theater um das Gurlitt-Erbe

Deutschland agiert hilflos, bisher sind nur vier der rund 1500 Werke NS-Raubkunst.

von Thomas Trenkler

Die Schockstarre der Deutschen hält an. Am 28. Februar 2012 wurden in der Wohnung von Cornelius Gurlitt im Münchner Stadtteil Schwabing etwa 1200 Kunstwerke beschlagnahmt.

Die Zollfahnder glaubten, dass die Gemälde und Grafiken in der NS-Zeit gestohlen worden sein mussten. Denn der Vater des sonderbaren Mannes, Hildebrand Gurlitt, war ein Kollaborateur der Nationalsozialisten gewesen: Der Kunsthändler hatte den Auftrag erhalten, die aus den deutschen Museen verbannte "Entartete Kunst" ins Ausland zu verkaufen. Zudem war er ein Haupteinkäufer für das geplante Hitler-Museum in Linz und am NS-Kunstraub in Frankreich beteiligt.

Doch hatten die Fahnder überhaupt eine rechtsstaatliche Legitimation für die Beschlagnahme? Sie konnten Cornelius Gurlitt nichts anderes als Steuerhinterziehung vorwerfen. Und sie wussten auch nicht, was sie mit der heißen Ware tun sollten.

Die Angelegenheit wurde vertuscht. Mehr als eineinhalb Jahre später, im November 2013, berichtete das Magazin Focus über den spektakulären "Schwabinger Kunstfund". In München wie in Berlin war man in hellster Aufregung – mit triftigem Grund übrigens: Dem Themenkomplex Kunstrückgabe, seit Ende 1998 in Österreich gesetzlich geregelt, hatte man sich in Deutschland nicht ernsthaft gestellt. Und nun gab es ein geradezu monströses Problem.

Der Masse nicht Herr

Als ersten Schritt gründete man die "Taskforce Schwabinger Kunstfund" unter der Leitung von Ingeborg Berggreen-Merkel. Ende Jänner 2014 gab die Arbeitsgruppe bekannt, dass man 458 Objekte als mögliche Raubkunst identifiziert habe. Die Gemälde, Zeichnungen und Grafiken wurden im Internet auf www.lostart.de veröffentlicht, damit sich Anspruch-steller melden konnten.

Doch die Taskforce ist nur ein international besetztes Beratungsgremium. Ihr gehört die Wiener Provenienzforscherin Sophie Lillie, entsendet von der Jewish Claims Conference, an. Die Prüfung der Werke wurde der Arbeitsstelle für Provenienzrecherche in Berlin übertragen. Schon bald stellte sich heraus, dass diese der Masse an Bildern nicht Herr werden kann: CDU-Kulturstaatsministerin Monika Grütters ließ im Sommer 2014 die Stiftung "Deutsches Zentrum Kulturgutverluste" gründen.

In der Zwischenzeit waren auch jede Menge Kunstwerke in Gurlitts Haus in Salzburg gefunden worden. Der 81-jährige Mann erklärte sich bereit, alle nachweislich geraubten Objekte zurückzugeben. Die Beschlagnahme der Münchner Sammlung wurde am 9. April 2014 aufgehoben, doch Gurlitt bekam seine geliebten Bilder nicht mehr zu Gesicht: Er starb am 6. Mai. Seine Sammlung vermachte er dem Kunstmuseum Bern. Es steht aber noch nicht fest, ob das Museum die Bilder tatsächlich erhält: Eine Cousine von Gurlitt erhob Einspruch gegen das Testament, das Verfahren läuft noch.

Keine Zuordnung

Was hat der Kunsthändlersohn aber konkret hinterlassen? Über den Münchner Bestand gibt die Taskforce Auskunft: Insgesamt gibt es (siehe Grafik) 1258 Kunstwerke; zwei Fünftel davon sind sicher keine Raubkunst: 276 Werke stammen aus der Familie, 231 Werke "entarteter Kunst" hatte Hildebrand Gurlitt nicht ins Ausland verkauft, sondern von den Museen für sich selber erworben.

Weitere zwei Fünftel könnten NS-Raubkunst sein: Zu 104 der 499 Werke gingen Rückgabeforderungen ein. Und bei 252 Objekten konnte bisher noch keine Zuordnung getroffen werden.

Weit unklarer ist der Salzburger Bestand. Das Kunstmuseum Bern veröffentlichte die Werke, 239 an der Zahl, auf seiner Homepage. Es gibt 40 Ölgemälde – von Jan Brueghel dem Älteren, Paul Cézanne, Gustave Courbet, Paul Gaugin, Edouard Manet, Claude Monet, Pierre-Auguste Renoir, Paul Signac und anderen. Hinzu kommen etwa 100 Arbeiten auf Papier und ebenso viele Grafiken.

Wie groß ist die Zahl der Werke, die NS-Raubkunst sein dürften? Michèle Thüring, die Pressesprecherin des Museums, gibt sich wortkarg: "Aufgrund des laufenden Rechtsprozesses können wir derzeit leider keine Informationen herausgeben." Bekannt ist nur, dass Camille Pissarros "La Seine vue du Pont-Neuf, au fond le Louvre" vom Museum als Raubkunst eingestuft wurde. Und die Taskforce bestätigte die Entziehung in der NS-Zeit.

Vom Schwabinger Bestand sind bis dato drei Werke Raubkunst: Die Zeichnung "Das Klavierspiel" von Carl Spitzweg hatte einst Henri Hinrichsen gehört; das Ölgemälde "Sitzende Frau" von Henri Matisse aus 1921 wurde im Mai an die Erben nach Paul Rosenberg zurückgegeben; restituiert wurde auch "Zwei Reiter am Strand" von Max Liebermann: Die Erben nach David und Charlotte Friedmann brachten das Gemälde bei Sotheby’s ein, es wurde Ende Juni um rund 2,6 Millionen Euro versteigert.

Kritik an der Taskforce

Insgesamt ist die Ausbeute mager. Es hagelte daher Krirtik, etwa von den Grünen. Ruediger Mahlo, Direktor der Claims Conference, meint: "Die Ergebnisse bleiben weit hinter unseren Erwartungen zurück. Unser Eindruck ist, dass es innerhalb der Taskforce Kommunikations- und Koordinierungsprobleme gibt, und dass insbesondere die vorhandene hervorragende Expertise vieler Mitglieder von der Taskforce-Leitung nicht abgerufen wurde."

Matthias Henkel, Pressesprecher der Taskforce, hält dagegen: "Provenienzrecherche ist ein schwieriges und langwieriges Unterfangen. Experten hatten schon frühzeitig darauf hingewiesen, dass angesichts der Vielzahl der Kunstwerke eine umfassende Recherche in zwei Jahren nicht möglich ist."

Für Verwunderung sorgt daher die Entscheidung von Grütters, die Taskforce mit Ende des Jahres aufzulösen. Laut Henkel sei die Arbeit ursprünglich auf ein Jahr befristet gewesen: "Wenn nun die Taskforce endet, bedeutet das nicht, dass auch die Arbeit beendet wird." Das Gremium werde einen Abschlussbericht mit Empfehlungen vorlegen. Und für den noch verbleibenden Forschungsbedarf solle es, so Grütters, ein Folgeprojekt im Zentrum Kulturgutverluste geben.

Rektorin Eva Blimlinger, Chefin der österreichischen Kommission für Provenienzforschung, meint, es sei unerheblich, ob die Arbeit im Rahmen der Taskforce erledigt werde oder außerhalb. Die Forschung müsse jedoch ausgebaut werden: Beim gegenwärtigen Tempo würde sich die Sache ansonsten noch über Jahrzehnte hinziehen.

Tempo bewies der britische Dramatiker Sir Ronald Harwood: Er schrieb über Cornelius Gurlitt ein Stück, das Anfang Oktober in Berlin uraufgeführt wurde – mit einem bejubelten Udo Samel als naiver Sammlersohn.

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