Jon Fosse

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Literatur
05/21/2016

Das große Schweben macht sehr still

Jon Fosse: Eine norwegische Herbergsuche, bei der es für die Liebenden keine Erlösung gibt.

von Peter Pisa

Du kennst mich doch, sagt er. Kennst du mich nicht, sagt er. Du musst dich erinnern, sagt er. Weißt du nicht mehr, dass wir uns kennen, sagt er. (Und so weiter)

Während "Wiederholungstäter" Thomas Bernhard eine derartige Form gefunden hat, um über die Welt zu schimpfen, liebt der Norweger Jon Fosse auf diese Art.

Ins Schweben lässt er seinen 17-jährigen Helden kommen. "Das große Schweben" ist die Liebe.

In Fosses "Trilogie" wird geboren, geliebt und gestorben, erwürgt werden mehrere, aufgehängt wird einer, ins Wasser geht eine, und Tote leben weiter, frei nach dem Dichter Percy Shelley sind sie gar nicht tot, sondern bloß aus dem Traum des Lebens erwacht.

Nobelpreis kommt

Alles auf nur rund 200 Seiten, alles in drei Bücher, die jetzt vereint sind.

Allein das erste Buch, "Schlaflos", war 2008 auf deutsch erschienen.

Dafür, dass er das Leben und das Sterben zu Hochprozentigem destilliert und nicht die Ingredienzien einzeln kanister- bzw. seitenweise ausschüttet, gebühren Jon Fosse sämtliche Literaturpreise.

Der Nobelpreis wird noch kommen. Fosse ist erst 56 – und hat als Theaterautor schon mehr als 30 Stücke geschrieben, die weltweit aufgeführt werden.

(Er lebt übrigens zum Teil in Hainburg an der Donau, damit seine Ehefrau, eine Slowakin, schnell bei ihrer Verwandtschaft ist – aber Jon Fosse nicht unbedingt in der Slowakei sein muss.)

Dass die Essenz namens "Trilogie" nicht so einfach zu konsumieren ist, weil schwer zu ertragen, verursacht vielleicht Probleme.

Langsames Lesen empfiehlt sich, wenn es biblisch mit einer Herbergsuche beginnt. Allerdings hat der alte Joseph für seine Maria niemanden umbringen müssen, damit die Schwangere beim Entbinden ein Dach über dem Kopf und etwas im Magen hat.

Überall Feinde

Asle heißt der Bursch, Vollwaise ist er, vom Land kommt er. Er beschützt Alida, sie ist ebenfalls 17, verstoßen von der Mutter.

Überall sind Feinde.

Erlösung gibt es keine.

Man ist FAST allein.

So gefreut hat sich Asle, als er mit ein paar Scheinen in die nächste Stadt ging, um Alida ein Schmuckstück zu kaufen. Ganz wichtig war ihm das.

Zweiter Teil, "Olavs Träume" ... wenn man sich darauf einlässt, wird es noch intensiver: Asle kauft ein goldenes Armband mit blauen Perlen, er wird verhaftet, es wird ihm weggenommen, er wird hingerichtet.

Im abschließenden Buch "Abendmatt" erfährt man, wie es mit Alida weiter ging. Es gab kein großes Schweben mehr. Aber das Armband, das lag auf ihrem Weg ...

Dichten ist für den gläubigen Katholiken Jon Fosse: Musik machen. Einfache Musik. Keiner der Sätze / Töne pudelt sich auf: Ist wohl so, sagt er. Und muss so sein, sagt sie. Muss es wohl, sagt er ... Das reicht, um beim Lesen still zu werden. Sehr still.


Jon Fosse:
„Trilogie“
Übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel.
Rowohlt Verlag.
192 Seiten.
20,60 Euro.

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