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Das „Decamerone“ als Operette – weniger entschärft als einst

Das Lehár Festival zeigt erstmals in Bad Ischl Franz von Suppès „Boccaccio“. Gesungen wird auf hohem Niveau.
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Von: Helmut Christian Mayer

Es war und ist dem Lehár Festival in Bad Ischl schon seit vielen Jahren ein Anliegen, neben populären Operetten auch echte Raritäten aufzuführen. Eine solche ist „Boccaccio“ von Franz von Suppè, einst ein Operettenschatz, der zu den wichtigsten Werken der klassischen Wiener Operette zählte. Jetzt ist er erstmals beim Lehár Festival zu erleben.

Das Stück basiert auf „Il Decamerone“ des Renaissance-Dichters Giovanni Boccaccio, das im mittelalterlichen Florenz spielt und nach seinem Erscheinen Mitte des 14. Jahrhunderts als pornografisches Skandalbuch galt, auf den Index der verbotenen Bücher gesetzt und in Florenz von einem fanatischen Mönch sogar verbrannt wurde.

Trotzdem wurde die Novellen-Sammlung zum Bestseller. Franz von Suppè vertonte 1879 vier davon, die allerdings ziemlich entschärft wurden und den Dichter zum Helden machten. Die Bad Ischler Dramaturgin Jenny W. Gregor hat das Libretto nun bearbeitet und wieder mehr vom „Il Decamerone“ hineingepackt.

Goldener Lorbeerkranz

In der Inszenierung vom Hausherrn Thomas Enzinger gibt es anstatt der drei Akte zehn Episoden von Personen, die, wie vermeintliche Besucher, aus dem Publikum in Alltagskleidung auf die Bühne kommen und dann als Figuren des mittelalterlichen Florenz in historischen Gewändern ihre Geschichten erzählen. Für die beste soll es dann einen goldenen Lorbeerkranz geben.

Damit will Enzinger eine Brücke in die Gegenwart schlagen, Aktualität und Zeitlosigkeit der vielen gesellschaftlichen Konflikte und auch den Humanismus in den Geschichten aufzeigen.

Aber er spart auch nicht mit vielen Gags. Optisch kombiniert Bühnenbildner Stefan Wiel große, an Botticelli erinnernde Bilder, unter anderem einem Porträt von Boccaccio selbst und einer Bibliothek, mit modernen Elementen wie zwei Treppen und großen Fässern. Historisiert wirken die Kostüme von Sven Bindseil.

Eindrucksvoll und dynamisch ist auch die Choreografie von Lukas Ruziczka mit mitreißenden Tanzszenen. Insgesamt hat der Abend trotz einiger ziemlich klamaukigen Burlesken auch langatmige Momente. So bleibt die Verbrennung von Boccaccios Büchern erschreckend harmlos.

Gesungen wird auf hohem Niveau: Christina Sidak in der Titelrolle spielt und singt souverän mit ausdrucksstarkem Mezzo. Maria Laduner besticht als Fiametta mit feinem, lyrischem Sopran.

Politische Couplets

Domencia Radlmaier (Isabella) und Miriam Portmann (Peronella) singen als dauerbereite Ehefrauen mit viel Einsatz, ihre betrogenen Ehemänner Gerd Vogel (Lotteringhi) und Hans Gröning (Lambertuccio) dominieren kraftvoll auch mit einigen aktuellen, politischen Couplets. Tadellos auch die vielen kleineren Rollen.

Suppès einfallsreiche Musik voller Italianità und opernhafter Ensembles wird vom Lehár-Orchester unter dem agilen Christoph Huber mit viel Drive und Tempo, aber auch feinen Lyrismen musiziert. Jubelnder Applaus!

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