Kultur
17.11.2017

Das Buch über den kostbarsten Moment

"Schweben" von Jürgen-Thomas Ernst: Wieder ein österreichischer Roman, in dem das kleine Glück zum großen führt.

Wer schwebt?

Der Josef, schon damals, als er Mineralwasser trank, schwebte er. Damals war er noch ein Kind, und Mineralwasser war Luxus in dem steirischen Dorf, gleich nach dem Krieg. Das Mineralwasser war Glück.

Später schwebte er, als es ihm gelang, einen kaputten Fiat Pinocchio zu reparieren, und als er beim Asphaltieren von Straßen genug Geld verdiente, um sich einen vollen Tank Benzin zu leisten: Das war schon wieder Glück.

Ein kleines Glück, das Josef vorbereitete auf sein großes Glück: auf Rosa, die seine Frau wurde, aber früh starb, er war erst Mitte 30. Josef hat keine Andere mehr angeschaut. Und sich lieber oft erinnert an den herrlichen Moment, als sich Rosa im ungeheizten Zimmer in einem Bottich wusch, nackt, so schön.

Rosa und Josef

Arm war man. Zwei Steirer, Kinder des Weltkriegs, die in den 1960ern von den Höfen der Eltern nach Vorarlberg flüchteten, um dort in einer Textilfabrik zu arbeiten. Wenigstens versuchen wollten es Rosa und Josef, in ein besseres Leben zu gelangen.

Arbeitssklaven wurden sie; und sie froren und hungerten und husteten und begehrten nicht auf. Denn es war egal, denn sie liebten einander ja.

Wieder ein schöner Roman über das einfache Leben. Stark, zu stark angelehnt an Robert Seethalers Erfolg "Ein ganzes Leben".

Aber was soll’s, das Schweben ist wichtig, das Freuen über Kleinigkeiten ist wichtig, das Buch ist wichtig. Auch der Vorarlberger Jürgen-Thomas Ernst erreicht mit Sparsamkeit der Worte eine Nachdenklichkeit .... eine Traurigkeit sowieso ... zum bekannten Thema: "Gebt acht auf jeden Augenblick eures Lebens."

Man weiß nicht, welcher der kostbarste sein wird.


Jürgen-Thomas Ernst:
Schweben
Braumüller
Verlag.
200 Seiten.
20 Euro.

KURIER-Wertung: ****