Danielle Spera, Direktorin des Jüdischen Museums in Wien

© KURIER/Gilbert Novy

Interview
09/06/2016

Danielle Spera: "Eine Geschichte der Migration"

Danielle Spera über Erfolge, Ziele – und eine Budgetkürzung, die sie als ungerechtfertigt empfindet.

von Thomas Trenkler

Das Jüdische Museum der Stadt Wien muss künftig mit 115.000 Euro weniger auskommen - und das wird Auswirkungen auf das Programm haben, sagt Direktorin Danielle Spera im KURIER-Interview.

KURIER: Soeben wurde der Rechenschaftsbericht des Jüdischen Museums veröffentlicht. Er ist auch eine Art Bilanz Ihrer ersten Funktionsperiode: Die Zahl der Besucher stieg zwischen 2012 und 2015 kontinuierlich von 82.741 auf 105.828 Ausstellungsbesucher, die Eintrittserlöse stiegen von 356.000 auf 507.000 Euro. Sind Sie zufrieden?

Danielle Spera: Sehr. Ich habe im Sommer 2010 die Leitung übernommen. Mein Ziel waren damals 100.000 Besucher. Wir konnten es also übererfüllen.

Ihr Anfang stand unter keinem guten Stern: Es gab große Widerstände gegen eine neue Dauerausstellung für das Palais Eskeles – und den Abbau der alten Ausstellungsarchitektur mit den Hologrammen von Abbildungen aus der jüdischen Geschichte.

Als ich mich um die Direktion des Jüdischen Museums bewarb, war mir nicht bewusst, dass mich eine Funktionssanierung erwarten würde. Dass es dann Widerstand gab, kam für mich wie ein Schock. Denn ich hatte alle Schritte mit dem Team besprochen. Die Hologramme waren im Vorfeld kein Thema. Und plötzlich ging es nur um sie. Im Nachhinein betrachtet, hat dieses Kapitel auch viel Positives ausgelöst. Es gibt nun in unserem Haus eine enorme Kreativität, die davor – zumindest für mich als Besucherin – in dieser Form nicht zu spüren war. Die Ausstellungen waren hoch wissenschaftlich, aber die Inhalte nicht leicht zugänglich. Es gibt jedoch viele Menschen, die mehr über die Geschichte des Wiener Judentums erfahren wollen. Nicht ohne Grund war "Ringstraße. Ein jüdischer Boulevard" 2015 die erfolgreichste Ausstellung überhaupt. Vor 150 Jahren wollte Kaiser Franz Josef die Stadt zu einer Metropole machen und mit den Vororten vereinen. Das war ein visionäres Projekt. Die Wiener, die das Geld dafür gehabt hätten, waren zögerlich. Aber die jüdischen Wiener Entrepreneure engagierten sich gleich von Beginn an.

Teil der neuen Dauerausstellung ist das Fahrrad des Schriftstellers und Journalisten Theodor Herzl. Es steht nun im Zentrum eines Kinderbuchs, das Sie mit Hannah Landsmann herausgegeben haben.

Ja, wir reisen mit "Victoria Blitz" durch die jüdische Geschichte Wiens und machen Zwischenstopps bei Persönlichkeiten, die diese Stadt geprägt haben, darunter Sigmund Freud und Fanny von Arnstein. Das Fahrrad "Victoria Blitz" wurde übrigens von Adam Opel erfunden. Präsentiert wird das Buch am 5. September um 17 Uhr.

Und am 4. November wird die Ausstellung "Die bessere Hälfte. Jüdische Künstlerinnen bis 1938" eröffnet. Viele sind aufgrund des NS-Regimes in Vergessenheit geraten. Aber das gilt nicht nur für jüdische Künstlerinnen, sondern auch für jene, die aus politischen Gründen zum Verstummen gebracht wurden. Warum klammert man diese aus?

Wir bemühen uns immer wieder um Verweise. Aber unser Hauptthema ist der massive Verlust durch die Schoah, der nicht wiedergutzumachen ist. Wir sind de facto das einzige Museum in Wien, das sich mit dem Holocaust auseinandersetzt. Warum eigentlich? Wir haben nicht die Möglichkeit, dieses Thema wirklich umfassend darzustellen. Wir wollen auch nicht auf die Täter eingehen, denn als Jüdisches Museum sind wir kein Holocaust-Museum! Wir erzählen zum Beispiel auch die jüdische Geschichte der Nachkriegszeit samt der Unwilligkeit der Politik, die vertriebenen Wiener Jüdinnen und Juden wieder zurückzuholen.

Anhand der Familie Glück?

Unsere nächste Ausstellung, ab 28. September, zeigt "Das Wohnzimmer der Familie Glück" mit Möbeln aus den 1920er-Jahren. Frau Glück wurde umgebracht, ihrem Mann Erwin und ihrem Sohn Heinz gelang die Flucht nach New York. Und sie konnten die Einrichtung mitnehmen. Henry Gluck, also Heinz Glück, hat sie uns nun geschenkt. Es sind nicht die Möbel einer bekannten Familie wie Bonyhady oder Rothschild, sie sind auch nicht besonders wertvoll, aber sie erzählen die berührende Geschichte einer Kürschnerfamilie, die aus ihrer Heimat vertrieben wurde.

Ein aktuelles Thema.

Seit einigen Monaten bieten wir Führungen für Flüchtlinge an – immer mit zwei bis drei Übersetzern. Die jüdische Geschichte ist ja eine Geschichte der Migration. Und die jungen Menschen, die aus dem Krieg in den Ländern des Nahen und Mittleren Osten geflohen sind, erfahren hier zum Beispiel über ein zwölfjähriges Mädchen, das nichts mitnehmen konnte auf die Flucht. Sie teilen also ein ähnliches Schicksal. Wir hören zwar immer, dass die Flüchtlinge von Vorurteilen gegenüber Juden geprägt seien. Daher ist mir wichtig, auf sie zuzugehen. Ich glaube, dass die Integration funktionieren kann.

Integration kostet Geld. Wie sieht die finanzielle Situation aus? Waren Ihre Hoffnungen auf eine Subventionserhöhung durch die Stadt Wien von Erfolg gekrönt?

Nein. Faktum ist, dass es für das Jüdische Museum Wien seit 2007 nicht einmal Anpassungen gab, obwohl die Gehälter und alle Ausgaben gestiegen sind. Und nun hat man uns von der gedeckelten Summe sogar noch etwas weggenommen. Das ist nicht gerechtfertigt.

In welcher Höhe?

115.000 Euro. Die Begründung des Kulturstadtrat-Büros lautet, dass auch bei den meisten anderen Wiener Kultureinrichtungen gespart werde. Auch wir müssten das daher hinnehmen.

Was ist die Folge?

Die Kürzung hat natürlich Auswirkungen auf das Programm. Und es gibt leider keine fix angestellte Provenienzforscherin mehr. Provenienzforschung betreiben wir jetzt nur noch im Zusammenhang mit Ausstellungsprojekten wie "Die bessere Hälfte" über die jüdischen Künstlerinnen. Da war der Arbeitsaufwand sehr hoch.

Und das Ergebnis?

Es ist kein Fall von Raubkunst aufgetaucht.

Zu Beginn Ihrer Direktionszeit waren Sie vom Standort in der Dorotheergasse begeistert; die Ausstellungsfläche aber sei zu klein. Hegen Sie noch den Traum vom Dachausbau?

Ich glaube, eine Aufstockung des Palais Eskeles ist eine Illusion. Vor allem wegen der engen Finanzsituation und aufgrund des Denkmalschutzes, unter dem das Haus steht. Aber wir zeigen ja auch in unserem Museum am Judenplatz Ausstellungen. Dieser Standort ist extrem jüdisch konnotiert – durch die Fundamente der mittelalterlichen Synagoge und das Schoah-Denkmal von Rachel Whiteread. Mein großes Anliegen ist eine neue Dauerausstellung für dort. Die Geschichte des jüdischen Mittelalters ist außerordentlich faszinierend – und sie wurde bisher nicht wirklich erzählt.

Gewähren Sie uns doch einen kleinen Einblick.

Sie beginnt im 12. Jahrhundert mit Richard Löwenherz. Denn das Lösegeld wurde in Form von Silber geliefert und sollte in Münzen umgeprägt werden. Aber das konnte in Wien niemand. Daher wurde aus Deutschland der Münzmeister Schlom geholt. Er siedelte sich mit seiner Familie im Gebiet rund um die Seitenstettengasse an und ist der erste Jude, der in Wien urkundlich erwähnt wird. Einer seiner nichtjüdischen Mitarbeiter bestahl ihn, Schlom ließ ihn einkerkern. Die Frau des Diebes rief daraufhin Kreuzritter zu Hilfe. Sie erschlugen Schlom und 15 weitere Juden. Man bekommt unweigerlich eine Gänsehaut, wenn man sich diese ungeheuerliche Geschichte vor Augen führt.

Nun noch ein ganz anderes Thema. Da Sie die Präsidentin des Museumsvereins ICOM sind: Wie beurteilen Sie die Causa Agnes Husslein-Arco?

Es geht in diesem Fall nicht um museale, sondern um wirtschaftliche Belange. Der ICOM-Vorstand sah sich daher nicht zu einer Stellungnahme gefordert – anders als bei der Schließung des Essl Museums. Ich persönlich kann sagen: Agnes Husslein-Arco hat das Belvedere zu dem gemacht, was es heute ist. Sie hat spannende Projekte realisiert und durch Sponsoring neue Einnahmequellen erschlossen. Das gehört anerkannt – ohne Wenn und Aber. Als das Bashing – zu Recht oder zu Unrecht – begann, sagte ich ihr, dass ich gut nachfühlen kann, wie es ihr geht.