Kultur
13.10.2017

Daniel Kehlmann: Ein Haufen ist wann ein Haufen?

Die Rückkehr zum historischen Roman – mit Till Eulenspiegel im Dreißigjährigen Krieg.

Es ist unglaublich, dass Till Eulenspiegel noch einen Leser irgendwo hervorlocken kann.

Was heißt EINEN Leser!

Der Spaßvogel, erstmals um 1510 in einem Buch, geht in 100 Bearbeitungen für Kinder auf dem Hochseil, zum Beispiel bei Erich Kästner (1938).

Dankenswerterweise hat vor zwei Jahren der Grazer Clemens J. Setz Streiche neu erzählt, und das war wirklich neu, weil wenig Kindgerechtes bekannt wurde:

Setz zeigt Till Eulenspiegel als – seine Worte – "Arschloch", denn der hat nicht nur die Mächtigen sekkiert, sondern auch die Armen, die Ohnmächtigen.

Verpflanzt

Und was macht Daniel Kehlmann? Er beachtet Till Eulenspiegel nicht so sehr. Er lässt ihn frei durch den Roman tanzen sozusagen.

Genau so hält man den Narren aus, der unsterblich ist: "Ich sterbe heut nicht", sagt er, während die Granaten einschlagen. "Und ich sterbe auch morgen nicht und an keinem anderen Tag. Ich will nicht! Ich mach’s nicht."

Schon aus dem Titel ergibt sich: Kehlmanns Figur ist ein wenig anders. Kein Till oder Dil oder Dyl, sondern "Tyll".

Kehlmann hat Eulenspiegel aus dem 14. ins 17. Jahrhundert verpflanzt – in den Dreißigjährigen Krieg.

Er ist damit – nach "F" und "Ruhm" – wieder beim historischen Roman; zwölf Jahre nach "Die Vermessung der Welt" (sechs Millionen verkaufte Exemplare) mit Humboldt und Gauß.

Die Rückkehr: Eine großartige Idee des Schriftstellers, der sich in Österreich zu Hause fühlt, aber hier nicht leben will. Zurzeit lebt und arbeitet er in New York ...

Der Krieg ist die Hauptsache in "Tyll". Ein Krieg wegen der Religion. Wer will, kann Verbindung zum Heute herstellen. Dazu passt der Hinweis: Es gab (damals?) ein paar wirkliche Menschen, und es gab den Rest.

Wer die Religion überlebte und die Schlachten und Seuchen, saß im Finsteren, Kerzen waren teuer, man aß Grütze, heiratete, bekam Kinder, von denen die meisten starben, und dann starb man selbst. Leben flatterte schneller und gewaltsamer vorbei.

Drachen

Müllerssohn Tyll ist ein Suchender zwischen Leichenbergen: Wie sein Vater will er wissen, was in den Büchern lateinischer Sprache steht.

Vater wurde von den Jesuiten als Hexer gehängt und verbrannt – auch weil er Antwort darauf wollte, wann ein Haufen Weizenkörner kein Haufen mehr ist.

Sind drei Körner noch ein Haufen? Sechs? Zwölf?

Tyll flüchtete, sonst wäre er ebenfalls verurteilt worden. Flüchtete und wurde Gaukler. Wurde Hofnarr – "Wenn ich die Majestät nicht saublöd nenne, wer soll es sonst tun?"

Kehlmann führt sein Wissen vor. Historische Personen lässt er auftreten, den "Winterkönig" Friedrich V., seine Elisabeth Stuart und vor allem Athanasius Kircher, diesen Universalgelehrten, geblendet vom katholischen Glauben. Allerdings lag auch die Wissenschaft oft daneben: Kircher erforschte auch – Drachen

Ist zerstoßener Regenwurm wirksam wie Drachenblut?

"Tyll" wirkt jedenfalls ganz hervorragend.


Daniel Kehlmann:
„Tyll“
Rowohlt Verlag.
480 Seiten.
23,60 Euro.

KURIER-Wertung: *****