Michaela Mottinger und Alexandra Seibel im Interview mit Daniel Kehlmann über die Verfilmung seines Buches "Die Vermessung der Welt", die Verleihung des Nestroypreises und sein neues Stück für das Theater in der Josefstadt.

© KURIER/Jeff Mangione

Daniel Kehlmann
08/31/2013

Der Priester ist kein Durchschnittstyp, denn er isst im Beichtstuhl Schokolade

Im neuen Roman „F“ über drei ganz und gar nicht mittelmäßige Brüder ist er heiter, witzig.

von Peter Pisa

Ein Roman von Kehlmann kann nicht einfach als Titel „Schicksal“ haben.

Kismet“ schon gar nicht, wir leben ja nicht im arabischen Raum.

Das lateinische Wort „fatum“ ist weniger bekannt und nicht ausgelutscht.

Wenn der Roman philosophisch wird, heißt es:

„Fatum. Das große F. Aber der Zufall ist mächtig, und plötzlich bekommt man ein Schicksal, das nie für einen bestimmt war. Irgendein Zufallsschicksal. So etwas passiert schnell ...“

Also „F“.

Ui, das ist geheimnisvoll und passt außerdem gut zu denen, um die es geht: um Familie Friedland.

Naher Teufel

Und es schreit danach, dass man nach fast 400 Seiten sagt: f wie (sehr) fein.

Denn das ist „F“.

Der gebürtige Münchner Daniel Kehlmann bleibt souveräner Erzähler und Konstrukteur und verzichtet – anders als im vorigen Buch „Ruhm“ – aufs Überdrehen.

„F“ wirkt ungewohnt heiter und mitunter sehr witzig, obwohl die Hölle näher ist als der Himmel. Ohne Signale, die auf den Teufel hinweisen, geht gar nichts. Er ist unter uns. Im Keller sowieso, aber auch in der U-Bahn.

Man lernt drei Brüder kennen. Rasch kommen sie dem Leser wie eigene Verwandte vor. Allerdings werden sie nie zu solchen, um die man weint, wenn’s ihnen schlecht geht.

Kehlmann scheut das Risiko, am Sentimentalen/Kitschigen anzustreifen. Berühren ist nicht das Seine.

Genau das hat Freund und Kollege Thomas Glavinic in seiner Liebesgeschichte „Das größere Wunder“ zusätzlich gewagt. Kühle Kritiker wunderten sich über den einen oder anderen Satz. Aber Glavinic hat damit Türen aufgemacht, man sieht Verlorengegangenes, Zerstörtes und fühlt mit und spürt sich.

Für „Das größere Wunder“ gab es am vergangenen Samstag im KURIER die Höchstwertung.

Daniel Kehlmann hingegen zielt auf den Kopf und löst dort die Explosion aus.

Mit diesem Gespann ist man oben und unten schwer bedient, sozusagen.

Alles Mysterium

Drei Brüder also, alle um die 35. Drei, die sich durchs Leben schwindeln.

Jeder erzählt in der Ich-Form.

Der eine Bruder, Martin, ist Priester. Ein dicker, schwitzender. Einer der Kirchengänger quält ihn besonders: „Ich verstehe nicht. Was ist der Unterschied zwischen dem Heiligen Geist und Vater?“ Martin antwortet in solchen Fragen immer:

„Es ist ein Mysterium.“

Ihm ist’s völlig egal. Er glaubt nicht. Er hat Gott nie gefunden. Martin ist ein Heuchler. (Aber nach Rom würde er schon gern befördert werden.)

Ist er Pfarrer geworden, weil er keine Frau gefunden hat? Während er im Beichtstuhl einen Alkoholiker maßregelt, geht er der eigenen Sucht nach und stopft Schokoriegel in sich hinein.

Er glaubt an den Rubik-Würfel. Ihn zieht er dem Masturbieren vor. Sein Rekord liegt bei 19 Sekunden.

Beim Würfel.

Beste Anlage

Der andere Bruder, Eric, ist Vermögensberater. Er bringt die Hektik in den Roman. Schaut er ein paar Stunden nicht in den Computer, hat er 2731 neue eMails.

Eric ist verheiratet, war mit seinen beiden Sekretärinnen im Bett, mit der Haushaltshilfe auch. Gern würde er alle drei entlassen, aber dann wäre er erpressbar.

Er fühlt sich verfolgt, ist meist verwirrt – aber mittelmäßig, nein, das ist er nicht. Das Geld seiner Klienten legt er bestens an –bei sich selbst.

Ein Betrüger.

Wie der dritte Bruder, Iwan, mit dem Kehlmann Kunstkritik ins Spiel bringt. Iwan ist Maler. Aber hohl.

In der Rolle eines anderen hat er mehr Erfolg: Er malt im Namen seines Geliebten, und als der stirbt, verwaltet er den Nachlass, den eigenen irgendwie, und bringt ständig neue Bilder auf den Markt.

Niemand

Mörderisches verbindet die Kapitel, die alle am 8. 8. 2008 spielen. Man erkennt den langen Faden erst allmählich. Typisch Kehlmann, und er thrillert uns auch noch etwas.

Und der Vater der drei Brüder verbindet. Mit ihm fängt alles an: Ein Hypnotiseur auf dem Jahrmarkt hatte ihm eingeimpft, alles hinter sich zu lassen (auch die Kinder, damals um die zwölf, 14 Jahre alt, die er eh nicht wollte) und aus leeren Gedankenspielen Bücher zu schreiben.

Nein, durchschnittlich sind die alle nicht geworden.

Das haben sie wirklich geschafft. Gratuliere.

Sie wurden ... niemand.

KURIER-Wertung: ***** von *****

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