Daniel Brühl: "Wir leben in schwierigen Zeiten"

Emma Watson und Daniel Brühl
Der Schauspieler über seinen Film "Colonia Dignidad", Flüchtlinge und die Zukunft.

Sein einstiger "Inglorious Basterds"-Kollege Christoph Waltz ist inzwischen als Stern am Hollywood-Boulevard verewigt und ein Til Schweiger mag vielleicht die größere Klappe und einen durchtrainierten Body haben. Aber Daniel Brühl wirkt dafür in seinem Verhältnis zu Ruhm und Erfolg wesentlich unverkrampfter.

Rund sechzig Kino- und Fernsehfilme hat der 37-Jährige bereits gedreht, darunter auch einige ganz große Kassenerfolge. Die meisten seiner Filme liegen aber etwas außerhalb des Mehrheitsgeschmacks und Brühl fühlt sich in dieser Außenseiterposition offenbar wohl. Auch in seinem neuesten Film "Colonia Dignidad" fordert er sich selbst und damit auch sein Publikum zu Extremen heraus: Militärputsch, Folter, Gehirnwäsche, Bespitzelung und Kindesmissbrauch sind die Zutaten dieses auf einer wahren Geschichte basierenden Polit-Thrillers von Florian Gallenberger.

"Colonia Dignidad" erzählt von den skandalösen Zuständen in einer deutschen Sekte in Chile, die von dem evangelischen Pädagogen Paul Schäfer 1961 gegründet wurde. Während der Pinochet-Diktatur diente die "Colonia Dignidad" dem chilenischen Geheimdienst als Folterzentrum. Daniel Brühl und Emma Watson spielen einen deutschen Fotografen und eine Lufthansa-Stewardess. Der Fotograf wird von Pinochets Geheimdienst in die "Colonia Dignidad" verschleppt.

Im KURIER-Interview erzählt Daniel Brühl, was ihn an der Rolle gereizt hat.

KURIER: Wie schwer ist es, sich in die Rolle eines Gefolterten hineinzufühlen?
Daniel Brühl:
Als Vorbereitung für diesen Film habe ich Dokumentationen gesehen, die uns Florian Gallenberger zur Verfügung stellte. Viele Szenen und Aussagen darin waren für mich am Rande der Erträglichkeit. Ich habe viel mit meiner Freundin darüber geredet, die ja Psychologin ist. Ich wollte begreifen, was in Menschen vorgeht, die solche Demütigungen und Foltern zu ertragen hatten.

Haben Sie so verstanden, wie und warum Menschen in die Fänge von religiösen und politischen Führern geraten?
Das zumindest annähernd zu begreifen war mir wichtig. Denn es gibt ja leider auch heute Menschen, die sich Terrorgruppen anschließen, obwohl sie von den jeweiligen Führern ausgebeutet und in den Tod geschickt werden. Meist sehen die Anhänger solcher Gruppen für sich keine andere Zukunftsperspektive. Fundamentalisten behaupten immer, die Antworten auf brennende Fragen zu kennen – egal, ob sie aus einem religiösen oder aus dem rechten Lager kommen. In die Sekte von Paul Schäfer kamen Menschen aus Deutschland, die nach dem Krieg vor den Trümmern ihrer Existenzen und ihrer Ideale standen. Und ähnlich muss man sich auch Flüchtlinge vorstellen, die aus den heutigen Kriegsgebieten zu uns kommen. Es sind zwar nur wenige darunter, die sich radikalisieren lassen, aber es gibt immer Menschen wie Schäfer, die die Rat- und Orientierungslosigkeit dieser Leute ausnützen.

Sehen Sie hoffnungsvoll in die europäische Zukunft?
Ich möchte gerne optimistisch sein, aber wir leben in schwierigen Zeiten. Denken Sie nur an die Flüchtlingssituation. Die europäischen Politiker sind zu starr in ihren Haltungen und sie denken zu kurz – meist nur bis zur nächsten Wahl. Wenn man bedenkt, wie lange in Europa für Frieden, Freiheit, Gleichberechtigung und für die Anerkennung der Menschenrechte gekämpft wurde, dann darf man nicht glauben, dass sich die heutigen Probleme kurzfristig bewältigen lassen. Aber da ich doch eines Tages auch eigene Kinder haben möchte, bleibe ich hoffnungsvoll und optimistisch. Für sie wünsche ich mir, dass sie in einer besseren Welt leben.

Filmstart: 19. Februar.

Vom Zauberlehrling zur Literatur-Studentin: Emma Watson, 25-jährige Millionärin, suchte sich nach "Harry Potter" erstmal ein zweites Standbein. Nach der erfolgreichen Beendigung der Uni-Laufbahn nahm sie wesentlich schwierigere Rollen an: Sie wurde zur UNO-Sonderbotschafterin für Frauen- und Menschenrechte.

Und in ihrem neuen Film "Colonia Dignidad" spielt sie eine deutsche Stewardess, die in Chile die sozialistische Regierung von Salvador Allende unterstützt und sich auf eine riskante Rettungsmission begibt, um ihren von Daniel Brühl gespielten Journalisten-Freund aufzuspüren, der im Folterkeller der Colonia Dignidad gelandet ist. Im Interview erklärte Watson, warum ihr gerade diese Rolle ein Anliegen ist.

KURIER: Was hat Sie an dem Thema gefesselt?
Emma Watson: Es wird erzählt, wozu Menschen bereit sind, wenn es darum geht, ihre Liebsten zu retten. Sonst geht es ja meistens um eine Frau, die in Schwierigkeiten gerät und dann von einem strahlenden Helden gerettet wird. Aber dieses Mal ist es die Frau, die den Mann rettet – und das hat mich fasziniert.

Wie haben Sie sich auf die Rolle vorbereitet?
Ich habe die Colonia Dignidad besucht, die jetzt "Villa Baviera" heißt und sich seit den 1970er-Jahren natürlich völlig verändert hat. Trotzdem sind mir beim Betreten die Schauer über den Rücken gelaufen, denn vieles erinnert noch an die Vergangenheit. Übrigens stammt die Schürze, die ich im Film trage, aus der Colonia Dignidad.

Das hört sich ein wenig wie "method acting" an.
Ich wollte meine erste Hauptrolle so authentisch wie möglich spielen. Und deshalb habe ich auch Michael Nyqvist, der den Sektenführer Paul Schäfer spielt, gebeten, mich am Set zu fordern und mir Sachen an den Kopf zu werfen, auf die ich spontan reagieren musste.

Wie schwierig war diese Rolle emotional für Sie?
Das Spielen war nicht so schwierig wie das Abschalten nach Drehschluss. Um in das wirkliche Leben zurückzufinden, musste ich im Auto laut Musik hören, oder lange joggen, um die angestaute Energie abzuleiten. Diese Rolle war wirklich eine große Herausforderung für mich!

Hat diese Rolle Ihre Zukunft als Schauspielerin verändert?
Ich bin als Hermine Granger in "Harry Potter" berühmt geworden und muss nun beweisen, dass ich auch andere Rollen spielen kann. Es war schwierig für mich, das Drehbuch zu verdauen. Ich bin Schauspielerin geworden, um solche Geschichten zu erzählen und nicht um berühmt zu werden.

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