Kultur
21.08.2018

Currentzis: Beethovens Fünfte – mit Vollgas im zweiten Anlauf

Salzburger Festspiele: Der griechische Dirigent Teodor Currentzis begeistert im Mozarteum mit seinem Beethoven-Zyklus

Manche meinen, dass die Tempi, die Teodor Currentzis seinem Orchester, dem musicAeterna aus Perm, abverlangt, extrem seien. Doch der Vorwurf zielt eigentlich ins Leere: Der griechische Dirigent, der heuer auf Vorschlag von Intendant Markus Hinterhäuser bei den Salzburger Festspielen alle neun Symphonien von Beethoven zu Gehör bringt, hält sich nur, wie er beteuert, an die Angaben in der Partitur.

Das Problem sei, sagte Currentzis beim Talk über den Zyklus, dass wir mit historischem Wissen auf Werke schauen. Als Beispiel nannte er Notre Dame: Die Steine seien einst fast schwarz und voll Patina gewesen. Als sie nach der Restaurierung hell strahlten, hätte er den Dom zunächst nicht mehr gemocht. Denn er dachte, dass ein Meisterwerk zerstört worden sei. Dabei sei aber nur der über Jahrhunderte geschulte Blick zerstört worden. Gewöhnlich liebe der Mensch die Dinge so, wie er sie kennt. Aber Currentzis kratzt die Patina ab, um mit dem Original und der ursprünglichen Ästhetik in Kontakt zu kommen.

Man konnte also gespannt sein auf die Interpretation von Beethovens Fünfter, der Schicksalssinfonie, die Currentzis am Sonntag im Mozarteum mit Nr. 2 kombinierte. Raschen Schrittes, wie gewohnt, erklomm er das Pult – und begann in der Sekunde mit dem Gassenhauer-Ta-ta-ta-Tam. Doch dann die Überraschung: So extrem schnell hörte es sich nicht an.

Currentzis setzte auch bei diesem Konzert nicht auf die Gegensätzlichkeit von laut und leise; er kontrastierte vielmehr das betont Raue und Schroffe mit dem Zarten. Die dreimalige Fanfare des zweiten Satzes fügte sich daher nicht ein, sie stach aus den lieblichen Melodiebögen heraus. Zudem ließ Currentzis, wie von ihm gewohnt, die Töne nicht ausklingen, was eine ungeheure Transparenz zeitigte.

Im vierten Satz steigerte sich Currentzis in ungeheure Euphorie. Er vergaß aufs Blättern, dann blätterte er hektisch zu weit, sein Blouson mit den Puffärmeln war längst durchgeschwitzt. Das Publikum, hingerissen, quittierte mit einem Orkan an Bravo-Rufen und mit Standing Ovations. Currentzis dankte als Zugabe mit einer „anderen“ Deutung des ersten Satzes. Da drückte er bei den schnellen Partien (und nur dort) tatsächlich auf Fast Forward. Es war irre – und fulminant. T. Trenkler

Auch zuvor, beim zweiten Konzert der Reihe, bot Currentzis Beethoven fürs Zeitalter der Sparpakete: kein Vibrato, kein Klangreichtum. Currentzis führte die Symphonien Nr. 1 und 3 ans Limit: Insbesondere im zweiten Satz der „Eroica“ sorgten die lyrischen Linien und gewaltigen Klanglandschaften für Entzücken. Diejenigen, die sich nach der Karajan-Zeit sehnen, sollten lieber weg bleiben. D. Wendel-Poray