Interview, Cornelius OBONYA & Elisabeth ORTH, neues Stück "Coriolan", im Akademietheater, Leyrer

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Kultur
09/11/2016

Obonya und Orth: "Wie ein Rezept für die Populisten"

Cornelius Obonya und Elisabeth Orth über "Coriolan", Familie, politische Verführbarkeit und das Burgtheater.

"Es sagt ja jeder Theatermacher gerne, dass sein Klassiker gerade total aktuell ist", sagt Cornelius Obonya. "Bei uns ist es wirklich so." Der Klassiker, um den es geht: "Coriolan" von William Shakespeare, selten gespielt, und eine zeitlang überhaupt nicht. Das Stück, schildert Obonya im KURIER-Interview, war nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges im deutschsprachigen Raum jahrelang auf dem Index. "Es durfte nicht inszeniert werden."

KURIER: Warum?

Cornelius Obonya: Weil es so leicht missverstanden werden kann.

"Es ist eines der höchstpolitischen Stücke überhaupt, sodass wir bei den Proben manchmal sagen: Hoffentlich hört uns keiner zu", sagt Elisabeth Orth. Die Mutter von Cornelius Obonya spielt in der Produktion des Akademietheaters (Premiere: 16. September) auch die Mutter von Obonyas Rolle, Coriolanus. Der ist ein römischer Feldherr, der an die Macht kommen will – aber das Volk verachtet. Seine Mutter rät ihm dazu, das Volk zu verführen. Und "was diese Frau diesem Krieger vorschlägt, ist die perfekte Anleitung für jeden Populisten auf der Welt. Das ist fast wie ein Rezept, wie man es macht, dass man zu Leuten spricht – und sie drehen sich." Und das ist dann doch wirklich hochaktuell.

Obonya: Während der Proben gab es den Brexit. Wir haben Bauklötze gestaunt, was darüber in dem Stück steht. Der hat das geschrieben, das steht schon da!

Orth: Vor 400 Jahren!

Obonya: Genau die aktuelle Fragestellung: Welche Fragen darfst du dem Volk stellen? Wo ist diese nadeldünne Linie zwischen Populismus und einer ehrlich gemeinten Frage, die ein Volk aber einfach nicht beantworten kann? An diesem Punktwird es immer verführbar sein, auf die eine oder die andere Seite.

Der gute Diktator?

Eine Zusatzfrage, die "wir versuchen zu erarbeiten ist: Was macht man mit einem Menschen, der in der Sache recht hat? Der anscheinend gute Diktator, den es aber nicht gibt?", sagt Obonya. "Man diskutiert Stunde um Stunde gegen die Populisten, versucht Stunde um Stunde zu differenzieren: Das eine sind die Flüchtlinge, das andere sind Menschen, die schon hier leben. Wie reagiert man aber, wenn dann jemand kommt und sagt: ,Burschen, ich mache euch das, und zwar so, wie es richtig wäre’? Auch dem kann man das Schwert eben nicht in die Hand geben, auch wenn die Intention noch so gut ist. Demokratie heißt auch: Es muss durch Überzeugung funktionieren."

KURIER: Aber das Argumentieren, das ein paar Sätze oder Gedanken mehr braucht, ist derzeit stark in der Defensive – was man deutlich sieht, wenn man Facebook durchscrollt. Haben Nicht-Populisten dort überhaupt eine Chance?

Obonya: Mit Haltung verdient man sich keine Punkte, das ist nicht sexy. Aber es wird nicht gehen, wenn man versucht, dem Extremismus kleine Häppchen zuzuwerfen. Das ist so, als ob sie mit dem besten Pokerbetrüger aller Zeiten versuchen, ernsthaft Schwarzer Peter zu spielen. Es braucht eine klare Haltung – und dann auch die Bereitschaft, damit unterzugehen. Ein Demokrat muss sagen: "Ich sage euch die Haltung 15.000 Mal, möglichst simpel, genau so, wie das der Extremismus tut. Entweder das gefällt euch, oder nicht – dann gehe ich unter." Das ist nicht schön, das ist nicht lustig, damit kann man keine Autogramme auf Busen in Discos geben. Aber ich kann mich hinterher in den Spiegel schauen.

KURIER: Versteht man diese Mechanismen nach der "Coriolan"-Aufführung besser?

Orth: Das wäre immer zu hoffen. Und wenn es nur zwei sind. Oder fünf.

Obonya: Wenn darüber in irgendeinem Lokal debattiert wird – und sei es auch nur bei einem Abendessen – dann haben wir gewonnen. Mehr ist nicht zu wollen, aber weniger auch nicht. Es ist aber nicht der Anspruch: Wir erklären euch jetzt von der Bühne herab die Politik, und deshalb wisst ihr dann auch ganz genau, wen ihr am 2. Oktober wählen sollt. Das kann das Theater nicht leisten.

Orth: Das darf es auch nicht. Das sollen die Parteien.

Obonya: Das Schöne ist, dass wir aus Zufall in diesen Zeitläuften das richtige Stück machen. Geplant war das nicht.

Familie

Geplant war etwas anderes: Obonya und Orth wollten gemeinsam spielen, und zwar Mutter und Sohn.

Orth: Wir haben vor Jahren nachgedacht: Gibt es denn eigentlich für uns etwas zu spielen? Irgendjemand sagte plötzlich: Coriolan.

Obonya: Nein, das warst doch du selbst!

Orth: (lacht) So haut man Pointen zusammen. Deswegen habe ich ja gesagt: Irgendjemand.

Obonya: Oh, das habe ich nicht verstanden. (lacht)

Orth: Nichts ahnend haben wir das gesagt: Coriolan. In den letzten Wochen sind wir draufgekommen, was wir uns da angetan haben.

KURIER: Hat es eine andere Dynamik, wenn Mutter und Sohn Mutter und Sohn spielen?

Orth: Wir haben einander eben auf der Probe gesagt: Den Krach können wir leicht spielen. Was haben wir uns, als du Teenager warst und ich alleinerziehende Mutter, gekracht! Das Mutter-Sohn-Verhältnis in diesem Stück ist auch nicht gerade von schlechten Eltern. Da erinnern wir uns daran, wie lustvoll wir gekracht haben – und jetzt krachen wir uns noch lustvoller!

Worum ging es damals?

Obonya: Das ist nichts für die Öffentlichkeit. Aber ich wurde nicht maulfaul erzogen. Ich hatte genügend Dinger im Köcher, um mich ausdrücken zu können. Es wurde mal lauter und auch wieder leiser. Daran erinnern wir uns – und heute gelingt es nicht immer, aber es gelingt.

Jetzt gibt es noch eine Zusatzkomponente: Ihre Schwiegertochter bzw. Frau, Carolin Pienkos, hat als Regisseurin die Zügel in der Hand hält.

Orth: Das tut sie im wahrsten Sinne des Wortes.

Viele andere Familien würden das nicht aushalten.

Orth: Stahlhart kann die sein. Prima!

Obonya: Diese Dynamik, nach der Sie gefragt haben: Die ist unbeschreiblich. Wir haben ein unfassbares Glück, wir verstehen uns tatsächlich gut. Weder Schwiegermutter- noch Schwiegersohn- noch Schwiegertochter-Witze funktionieren bei uns. Weil die erzählen wir über uns selber. Ich habe mit meiner Frau schon öfter gearbeitet, für meine Mutter ist es das erste Mal. Es gab viele, viele Gespräche, so lange, bis sich meine Mutter dann auch dazu entschieden hat.

Burgtheater neu

Und noch etwas ist bemerkenswert: "Coriolan" ist Obonyas erste neue Produktion im Burgtheater-Verband, seit er 2008 das Ensemble verlassen hat.

Es ist viel passiert im Haus. Ist das Haus schon geheilt?

Obonya: Nein, das glaube ich nicht. Es ist ein Gefühl da für Sparen, das Geld ist nicht mehr so vorhanden. Karin Bergmann versucht, das Schiff möglichst ruhig zu halten und trotzdem qualitative Arbeit zu machen. Diese Aufarbeitung sollte auch gar nicht so schnell sein. Es hat eine Institution getroffen, die – und ich nehme mich da gar nicht aus – an vorderster Front war bei der Moral und der Sauberkeit. Und dann passiert es gerade in den eigenen Reihen. Man sollte das nicht so rasch aufarbeiten. Und bis die Prozesse abgeschlossen sind, ist man von Aufarbeitung weit entfernt. Ich hoffe sehr, dass das rücksichtslos aufgearbeitet wird. Und bis dahin können wir Künstler nur schauen, dass wir die Menschen so begeistern, dass sie dieses Haus nach wie vor gerne betreten.

Sie sind Doyenne der Burg. Wie erleben Sie die neue Zeit, wie haben Sie die vergangenen Jahre erlebt?

Orth: Ich bin bei Gott lange an diesem Haus. Über die Ehre der Doyenne freue ich mich. Ich bin trotz allem wahnsinnig gerne Mitglied dieses Hauses. Es ist ein wunderbares Haus. Und wenn etwas gelingt, dann sind das königliche Momente. Ich sage das jetzt so hart, weil es ist ein königlicher Beruf.