Kultur
22.07.2017

"Comeback" von Paulus Hochgatterer: "Schämen Sie sich nicht?"

Damit die Geschichten der Eltern auch nach deren Tod nicht verloren sind ...

Dieser Ton hat gefehlt (seit 2010, seit seinem Roman "Das Matratzenhaus").

Paulus Hochgatterer versucht wieder, ein Quadrat ZU SCHREIBEN, ein rotes vielleicht mit einem gelben Dreieck ... es ist das Konzentrieren aufs Reine, Wesentliche, und so gesehen ist seine neue Erzählung fast nur dieser eine wichtige Satz:

"Schämen Sie sich nicht?"

In den letzten Kriegstagen nimmt eine Bauernfamilie einen jungen Russen auf. Einen Kriegsgefangenen, der entkommen ist.

Ein Künstler ist Michail, ein Maler in der Art von Malewitsch – hier ist die Stilrichtung des Suprematismus: Schwarzes Quadrat, weißes Quadrat. Ein Nazi-Leutnant, der auf dem Hof Halt macht, fühlt sich verarscht. Er will Michail sowieso erschießen.

Was geschieht nun? Was hätte geschehen sollen?

"Der Tag, an dem mein Großvater ein Held war" ist das literarische Comeback des Kinderpsychiaters Hochgatterer – obwohl: "Ich verstehe schon, dass dieses Bild aus dem Sport griffig ist. Aber von der Literatur verabschiedet man sich nicht wie vom Ganslernhang oder vom Hanappi-Stadion. Die Literatur hat einen ein Leben lang, wenn sie einen einmal hat."

Jedenfalls MUSSTE "Der Tag, an dem mein Großvater ein Held war" geschrieben werden, weil ...

Paulus Hochgatterer: Weil unsere Eltern sterben. Mein Vater vor vier Wochen, meine Mutter ist 87. Und damit werden die Geschichten, die sie uns erzählt haben, von niemandem mehr erzählt und gehen verloren, wenn wir sie nicht aufschreiben. Das ist mir mit dem Tod meines Vaters ganz deutlich bewusst geworden und noch deutlicher, dass ein knappes Jahrzehnt, 1938 bis 1945, nicht nur einen wichtigen Teil dieser Geschichten bestimmt hat, sondern auch für das Leben der Generation danach, also von uns, richtungsgebend war.

KURIER: Nämlich wie?

All die Dinge, die damals grundgelegt wurden – die Angst, die Verzweiflung, die Ratlosigkeit, die Wut, der absurde Überlebenswille – haben sich in mein und auch in Ihr Leben, denke ich, entscheidend eingeschrieben.

Nun heißt es im Titel MEIN Großvater, also könnte das bedeuten, dass der Bauer Jakob tatsächlich Ihr Großvater war.

Das könnte es bedeuten. Und dann wäre Antonia meine Mutter. Oder vielleicht Annemarie. Grete, Katharina, Roswitha? Oder vielleicht Nelli, von der niemand weiß, woher sie kommt. Mit der Suche nach dem Autobiographischen im engeren Sinn verhält es sich so wie mit dem Comeback von vorhin – es ist hübsch, entspricht aber nur zum Teil der Wirklichkeit.

Würden Sie unter Umständen bitteschön vielleicht verraten, was real ist?

Real ist, dass eine der – eher raren – Geschichten, die meine Mutter immer wieder erzählt hat, von einem Offizier der deutschen Wehrmacht handelte, der bei ihnen auf dem Hof wegen einer Nichtigkeit einen russischen Kriegsgefangenen erschießen wollte. Mein Großvater trat dazwischen und fragte den Offizier: "Schämen Sie sich nicht?" Diese Geschichte hat in mir die Frage aktualisiert, wie sehr wir uns alle Helden wünschen, die das sicherstellen, von dem wir zugleich wissen, dass es nicht eintreten wird: ein glückliches Ende.

Gefällt Ihnen das Reinheitsgebot des Suprematismus?

Absolut! Den Anspruch der Suprematisten, vor allem von Malewitsch, die Kunst von Geschichte, Emotion, Überbau zu befreien und sich darauf zu reduzieren, was auf die Leinwand gebracht werden möchte, entspricht ziemlich genau meiner Überzeugung, dass es in der Kunst, auch in der Literatur, zwei Dinge gibt, auf die es ankommt -– auf Genauigkeit und darauf, sich auf das Unbewusste zu verlassen. Ersteres ist steuerbar, das beruhigt. Zweiteres ist gar nicht steuerbar, das beruhigt noch mehr. Kasimir Malewitsch hat sein "Rotes Quadrat" im Untertitel übrigens "Malerischer Realismus einer Bäuerin in zwei Dimensionen" genannt. Wenn das nicht zu meinem Buch passt!

Kunst soll immer nur sein, was sie ist, nicht mehr und nicht weniger?Auch die Literatur! Und das ist eh sehr viel, denke ich.


Paulus Hochgatterer: „Der Tag, an dem mein
Großvater ein Held war“
Deuticke Verlag.
112 Seiten.
18,50 Euro.

KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern