Claudius von Stolzmann: Der Haudegen mit „Hummeln im Hintern“
Bei seinem Namen denkt man vielleicht an einen Sturm-und-Drang-Kollegen von Schiller. Oder an einen Lyriker der Romantik. Doch Claudius von Stolzmann heißt wirklich so. Seit Jahren rackert er unermüdlich in der Josefstadt, nun realisiert er sich einen lang gehegten Wunsch: als Highlander von Dänemark.
KURIER: Sie wurden 1981 in Bonn geboren – in eine bürgerliche Familie. Der Revoluzzer beugte sich nicht und wurde Künstler?
Claudius von Stolzmann: Das hat nichts mit Revoluzzertum zu tun. Das Schauspielen ist mir in der Schule begegnet. Es gab ein paar, die mitmachen wollten, darunter die, die einen kleinen Narzissmusknacks haben, die mehr Aufmerksamkeit wollen. Zu denen gehörte ich. Dann hatte ich Blut geleckt.
Aber zunächst …
Meine beiden Großväter waren Diplomaten, viel in der Welt unterwegs, und haben ihr Interesse für Sprachen und Kulturen ihren Kindern weitergegeben. So kam es, dass auch ich Sprachen interessant finde – oder die Auseinandersetzung mit Sprache. Nach meinem Zivildienst in Madrid ging ich nach Holland, um International Business zu studieren. Das hat nur ein halbes Jahr geklappt. Zu viel Mathe und Statistik. Ich bin zurück nach Deutschland und begann in Düsseldorf mit Medizin. Nebenbei Uni-Theater, Off-Theater, Laien-Theater, das wurde dann immer mehr. Aber 50 Prozent Elan reichen nicht für ein Medizinstudium.
Gescheitert an der Anatomie?
Biochemie! Die Wiederholungsprüfung war am gleichen Tag wie die Endrunde für die Schauspielschule in Frankfurt. Und so habe ich die Entscheidung getroffen.
Sie blieben nur ein Jahr.
Weil es auch auf der Schauspielschule Ernst Busch in Berlin geklappt hat. Mir war aufgefallen, dass die Menschen, die die interessanteren Projekte und Filme machen, von dort kamen. Und so sagte ich mir: Auch wenn ich ein Jahr verliere, ist vielleicht besser, wenn ich wechsle.
Schon bald traten Sie an der Schaubühne auf – und an der Volksbühne.
Das sind so Zufälle. Mich rief ein Kollege an: Jemand war wegen eines „Tatort“-Drehs ausgefallen, sie würden jemanden brauchen, der echt lustig ist. Kannst du mal kommen? Ich machte fünf Minuten Quatsch – und dann sagte der Regisseur: Okay, du bist dabei. Man hat halt manchmal ein bisschen Glück.
Sie kamen früh nach Wien. Wieso?
Es war genau das Gleiche. Ein Dozent sagte mir: „Die suchen am Volkstheater jemanden für die Hauptrolle in der ,Reifeprüfung‘.“ Glücklicherweise hatte ich den Film mehrmals gesehen, war ein großer Dustin-Hoffman-Fan. In Wien erfuhr ich den Grund: Der Kollege, der die Rolle als Gast spielen sollte, hatte anderswo einen Zwei-Jahres-Vertrag bekommen. Ich bekam sie. Daraus ergab sich die nächste Arbeit, „Don Juan“ in der Regie von Stephan Müller, der jetzt den „Hamlet“ macht. Und daraus entstand wieder was am Volkstheater – mit Thomas Birkmeir. So kam es, dass ich auch im Theater der Jugend spielte.
Aber Sie blieben nicht in Wien, gingen nach Stuttgart und New York. Was bewog Sie zur Rückkehr?
Bei Probenarbeiten in Salzburg hatte ich sehr viel Spaß mit einem Kollegen. Er meinte: „Du musst an die Josefstadt kommen! Ich rede mal mit dem Herbert!“ Irgendwann hieß es: Herbert möchte dich treffen, nein, Herbert hat keine Zeit, ja, Herbert möchte dich doch treffen. Und nach dem Gespräch sagte er (Stolzmann imitiert Föttinger): „Dann mach ma des! Aber richtig!“
Und wer war der Kollege?
Florian Teichtmeister. Ein schwieriges Thema.
Sie haben dort Heimat gefunden?
Ja, Herbert kämpfte mit einer solchen Vehemenz für uns Schauspieler! Und er brachte mir enorme Wertschätzung entgegen: Er erkannte, dass es da jemanden ist, der Hummeln im Hintern hat, der etwas leisten und auch eingesetzt werden will. Und wenn ich das zu spüren bekomme, dann gebe ich noch mehr.
Mit jedem Jahr haben Sie mehr Rollen übernommen, zunehmend auch Hauptrollen. Und „Hamlet“ war von Anfang an Ihr Ziel?
Ja, seit ich Lars Eidinger in der Rolle gesehen habe. Da war ich gerade auf der Schauspielschule. Diesem Menschen durch die Knochen in die Seele gucken zu können, das fand ich umwerfend. Ich wusste: Das will ich auch einmal spielen! Ich wollte mich dieser Herausforderung stellen, wenngleich die Josefstadt-Inszenierung ganz anders ist. Es geht nicht darum, Lars zu kopieren.
Halten Sie sinnierend den Schädel?
Natürlich, das ist von Shakespeare so geschrieben: Der Totengräber buddelt die Knochen aus, Ophelia soll ins Grab reingelegt werden, er holt den Kopf raus und sagt zu Hamlet: „Dieser Arsch hat mir mal Wein über den Kopf geschüttet!“ – „Wer ist das?“ – „Das ist Yorick.“ – „Den kenne ich!“ Wenn man möchte, dass sich Hamlet mit dem Tod und der eigenen Sterblichkeit auseinandersetzt, dann muss man diese Szene machen. Und dann muss man sie mit dem Schädel machen. Denn er macht etwas mit Hamlet – und mit den Menschen, die zuschauen.
Vor zwei Jahren erhielten Sie einen Nestroy für Ihren Diener Zagl in Fritz Hochwälders „Der Himbeerpflücker“. Was spielen Sie lieber: Komödie oder Tragödie?
Banale Antwort: Ich mag beides und zu gleichen Teilen. Nur Unterhaltung zu machen, würde mir nicht reichen. Und nur die schlimmen Zeiten vor den Latz geballert zu bekommen: Das funktioniert auch nicht. Die Ausgewogenheit gibt den Ausschlag, damit ich mich als Schauspieler wohlfühle. Und sie ist auch für die Zuschauer enorm wichtig.
Sie verkörpern gerne komplexe, empathische Charaktere – wie den George in John Steinbecks „Von Mäusen und Menschen“?
Ja, gut beobachtete, nuancierte Figuren. Weil ich Menschen liebe – in ihrer Komplexität. Auch in Abgründen kann ich Liebenswertes finden, weil ich fast immer nachvollziehen kann, warum ein Mensch dieses und jenes macht, aufgrund von Prägungen zum Beispiel oder Misshandlungen. Was den Menschen im Innersten zusammenhält, finde ich erforschenswert. Ich versuche daher, auf der Bühne authentisch mit den Figuren umzugehen – und nicht eine Schablone hinzustellen. Meine Erfahrung als Zuschauer ist, dass man dann eher mit dem eigenen Leben andocken kann. Wenn man nur etwas Leeres, Unvollständiges vorgesetzt bekommt, geht man fast betrübt nach Hause. Weil so viele Möglichkeiten ausgelassen wurden.
Sie stehen praktisch jeden zweiten Abend auf der Bühne – und spielen zumeist die tragenden Rollen.
Ja, das kommt hin. Mitunter muss man sieben Tage hintereinander spielen, hat dann aber wieder länger frei.
Tatsächlich? Gleich nach „Hamlet“ geht es weiter: Am 9. April hat „Leonce und Lena“ Premiere …
Mit zunehmendem Alter ist es wichtig, mich vor zu viel Arbeit zu schützen. Eine Rolle nach der anderen – bam, bam, bam: Das geht lange gut, aber man merkt, dass man irgendwann auf Sparflamme arbeitet, das Viffe schwindet, die Qualität des Outputs leidet. Denn man kann nicht immer grandios sein. Und daher hab’ ich die Rolle des Königs in „Leonce und Lena“ zurückgelegt. Denn ja, die Proben hätten fünf Tage nach der „Hamlet“-Premiere anfangen. Das wäre zu viel gewesen.
Herbert Föttinger geht im Sommer – und Marie Rötzer folgt. Wie geht es mit Ihnen weiter?
Ich bleibe. In welchen Rollen, werden Sie in der Pressekonferenz im Mai erfahren.
Haben sich die Turbulenzen der letzten Zeit gelegt?
Ja, schon. Es gibt eben ein lachendes und ein weinendes Auge. Man freut sich auf etwas Neues, gleichzeitig geht nach 20 Jahren Herbert eine lange und enge Verbindung auseinander.
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