© Christian Bruna

Interview
12/01/2015

"Wir sind verpflichtet, diese Fotos zu sehen"

Christian Bruna besuchte unzählige Flüchtlingslager. Der Pressefotograf über Inszenierungsvorwürfe, den "Geruch von Tod" und warum wir Bilder wie das von Aylan sehen müssen.

von Mathias Morscher

Pressefotografen sind nicht nur an den Brennpunkten der Welt unterwegs, sondern auch ständig in der Kritik. Besonders während der Flüchtlingskrise wurden und werden immer wieder kritische Stimmen laut. Inszeniert und verfälscht seien die Fotos, poltern manche im Netz und am Stammtisch, weil sie oft nur Frauen und Kinder zeigen.

Christian Bruna ist einer dieser Fotografen. Der Wiener besuchte in diesem Jahr, teils auf eigene Faust, teils für die weltweit größte Nachrichtenagentur Associated Press (AP), verschiedene Länder und Flüchtlingslager. Tovarnik, Röszke, Diyarbakir, Spielfeld, Nickelsdorf, Suruc – die Liste der Arbeitsplätze des 28-Jährigen liest sich wie ein zynisches "Best-of" der Lager auf dem Weg ins wohlhabende Europa.

Fotografiert hat Bruna in dieser Zeit viel, gesehen noch mehr, erzählt er im Interview mit dem KURIER. Schönes und Beängstigendes. Das "Schiachste", was er in dieser Zeit fotografiert hat, waren "die Gesichter der Überlebenden, die zusehen mussten, wie mehrere Särge von einem Frachter abtransportiert und in einem Leichenwagen weggebracht wurden". Es waren die Gesichter von Menschen, die zusehen mussten, wie ihre Freunde, mit denen sie aus Eritrea durch die Sahara flüchteten, im Meer "absoffen", erklärt er. "Ich hätte nie gedacht, wie sehr ein Mensch nach Tod riechen kann."

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Tod

Dem Tod begegnete Bruna auch an der türkisch-syrischen Grenze Nahe Kobanê, als er in der Nacht freiwillige, unbewaffnete Menschen auf Patrouille begleitet. "Keinen Kilometer entfernt schlagen im 15-Minuten-Takt Bomben ein und die Leute, die wissen, dass sie nichts ausrichten können, geben alles, damit keine IS-Kämpfer über die Grenze kommen. Sie kamen trotzdem, jeder erzählte mir von getöteten Freunden oder Verwandten."

A4-Drama & Aylan

Der Fotograf kennt nicht nur die Geschichten, er hat auch selbst schon genügend Leichen gesehen und fotografiert. Das wird er auch in Zukunft tun, denn "für mich ist es eine Art Pflicht". Aus diesem Grund würde er auch das oft kritisierte Foto des A4-Dramas und des ertrunkenen Kindes Aylan zeigen (der KURIER zeigte die Fotos aus diesen Gründen (Link) nicht, Anm.). "Mir ist bewusst, dass unser gesellschaftlicher Blick – auch mein Blick – Leichen gegenüber abgestumpft ist. Trotzdem ist es für mich wirklich wichtig, dass ich, wir, die Gesellschaft dazu verpflichtet sind, das zu sehen. Reine Zahlen lösen andere Emotionen aus als Bilder", erklärt er seine Sicht der Dinge. Gerade beim A4-Drama hat er allerdings Probleme damit, wie das Foto zustande und an die Medien gekommen ist. Aber "wenn ich dort gestanden wäre, hätte ich es gemacht. Ganz klar. Alleine, um Opfern von Kriegsverbrechen ein Gesicht zu geben."

Inszenierung

Medien und Fotografen müssen sich oft den Vorwurf gefallen lassen, unter den Flüchtlingen eher Frauen und Kinder als Männer zu zeigen. Auch Bruna kennt diese Kritik und weiß, dass es eine "sehr heikle Angelegenheit" ist und "Kinder, die x Kilometer entlang von Bahngleisen gehen oder die Fahrt übers Mittelmeer überlebt haben, in jedem von uns andere Emotionen auslösen, als eine Gruppe Jugendlicher und Männer".

Der Wiener ist sich seiner Verantwortung bewusst und "hat die Pflicht, die Situation übersichtlich und originalgetreu zu dokumentieren bzw. den Fokus nicht zu sehr in eine Richtung zu lenken." Das darf er auch laut den Vorgaben von Nachrichtenagenturen nicht, gestellte Fotos sind ausdrücklich verboten. Dennoch gibt es einen Graubereich, erzählt Bruna, "wenn sie eine Kamera sehen, heben viele automatisch die Hände nach oben, zeigen das Victory-Zeichen und posieren. Da stellt sich für mich persönlich schon die Frage, wie weit ich in die Situation eingegriffen habe".
Natürlich wissen auch die Menschen selbst, wie sie sich am besten inszenieren – allerdings nicht, was sie mit diesem Posieren auslösen können, denn "solche Fotos schüren in verängstigten Menschen falsche Emotionen". Dennoch werden, sobald eine Kamera in der Nähe ist, "Kinder sofort nach vorne gerückt, um ihr Leid zu zeigen", beschreibt der Fotograf die Erlebnisse, hält aber gleich fest: "Ich würde es in dieser Situation wahrscheinlich nicht anders machen." Einen Teil der Verantwortung gibt Bruna aber auch an die Medien ab, "die sich häufig, je nach Blattlinie, zu sehr auf Kinder- bzw. Familienfotos versteifen".
Aber auch die Behörden wissen sich zu inszenieren. "In einem Lager in Ungarn wurde ich daran gehindert, freundlich dreinblickende oder lachende Polizisten zu fotografieren. Nicht mit Gewalt, aber doch sehr bestimmt. Orban wollte anscheinend, dass in den Medien nur das Bild des 'harten, bösen Polizisten' kursiert."

Gleichzeitig betont der Wiener, dass man "rund um die Flüchtlingsgeschichte als Pressefotograf nichts inszenieren muss. Inszenieren hilft weder den Flüchtlingen noch den Lesern".

Gespräche

Dem Wiener ist es wichtig, immer die Geschichte hinter dem Foto zu kennen und redet deshalb mit den Flüchtlingen und der Polizei. Wird das verabsäumt, landen falsche Fotos in den Medien. Als Beispiel nennt er eine Begebenheit in Ungarn, als ein Flüchtling seine Frau auf die Bahngleise schubste und auf den Fotos der Eindruck erweckt wurde, die Polizei sei schuld. Ohne den genauen Hintergrund zu kennen bzw. zu beachten, wurde es kurzzeitig zu einer Ikone des Flüchtlingsdramas - bis sich das komplette Video dazu verbreitete. Damit ihm das nie passiert, wählt Bruna die Fotos bedacht aus und schickt nur jene an die Agentur, deren Geschichte er kennt.

Bruna wird auch weiterhin die Brennpunkte der Welt bereisen. Der Gefahr ist er sich bewusst. Spätestens seit an der Grenze zum Gazastreifen eine Rakete neben ihm einschlug, kennt er auch die Angst vor dem Tod.

Es gelte aufpassen, dass "ich nicht zu emotional werde, bei dem ganzen Blödsinn der im Moment verzapft wird. Wenn du so viel gesehen hast, trifft es dich extrem, wenn so auf diese Menschen hingehauen wird".

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