Kultur
23.12.2011

Chobot: Freddy Quinns Cousin aus Ottakring

Buchkritiken: Manfred Chobot - "Versuch, den Blitz einzufangen" + David Simon - "Homicide" + Erri de Luca - "Das Gewicht des Schmetterlings" + Franz Suess - "1160, Ottakring"

Ügl-Ü ist wieder da. Das Baby. Es lernt gerade den Unterschied zwischen Ball und Kugel kennen. Aua. Ügl-Ü taucht immer auf, wenn Manfred Chobot seine komische Familiengeschichte schreibt. Nicht alles ist daran wahr, aber vieles. „Reise nach Unterkralowitz“ (2009) heißt der erste Teil. Er handelt von den Männern. Jetzt wird mit den Frauen fortgesetzt. Mit der Mutter und ihrer Schwester, der Antschi-Tant’. In "Versuch, den Blitz einzufangen" hat der heute 64-Jährige aus Wien-Ottakring eine prominente Überraschung eingebaut.

KURIER (singt): Jimmy Brown, das war ein Seemann, und das Herz war ihm so schwer.
Manfred Chobot (singt): ... doch es blieben ihm zwei Freunde: die Gitarre und das Meer.

Im Roman ist Freddy mit Ihnen verwandt. Aber das wird doch wohl ein Schmäh sein?
Er ist mein Cousin. Großcousin oder so was. Darüber wurde bei uns schon geredet, als ich ein Bub war. Aber der Freddy ist mir damals so was am A... vorbei. Ich bin auf die Stones gestanden.

Der Biograf hat nichts über Freddys Vater herausfinden können.
Wenn er mich net fragt! Der Vater war der Emil W. und hat zuerst die Schwester meiner Mutter, die Antschi-Tant’, geschwängert. Ihr Sohn, der Paul, wurde 1922 geboren. Danach hat W. die Edith Nidl im Tierschutzhaus kennengelernt. Der quälte zwar die Menschen, aber mochte Tiere. Mit ihr hatte er den Freddy, geboren 1931. Danach hat W. auch diese beiden sitzen lassen und ist 1933 nach Berlin. Aus dem Offizier des 1. Weltkriegs ist ein Nazi geworden. Als W. zurück nach Wien kam, brachte er zwei Töchter mit, nahm eine zweite Frau mit nach Hause, zeugte wieder zwei Söhne und lebte mit zwei Frauen zusammen. In der Wohnung seiner Mutter.

Mein Herz muss wandern, weiter wandern ... Freddy in "Ich bin ein Vagabund".
Sein Vater hielt sich für etwas Besonderes. Ein Herrenreiter. Ganz ein mieser Kerl.

Was ist aus ihm geworden?
Emil W. war 75, als ihn sein jüngster Sohn Rainer Maria erschlagen hat. Der war erst 17 und bekam 15 Jahre Haft. Elfriede Jelinek hat sich davon inspirieren lassen und den Roman „Die Ausgesperrten“ geschrieben.

Freddy Quinn weiß das?
Natürlich. Er hat sogar der Antschi-Tant’ bis zuletzt Geschenke gebracht. Aber der Öffentlichkeit hat er es immer verschwiegen. Sein ganzes Leben ist auf einer Schimäre aufgebaut.

Wollen Sie ihn denn nicht treffen?
Was soll ich ihm sagen? Dass er stolz darauf sein soll, was er erreicht hat? Er war immer unzufrieden mit seinem Leben und wäre doch einer von wenigen, die allen, allen sagen können, dass sie ihn kreuzweise ...

Chobot ist Satiriker. Er will sich selbst nicht langweilen und ist schon deshalb sehr bemüht, dass sich niemand bei ihm fadisiert. Er gibt Gas. Springt herum.
Dabei ist er bei den langsamen, den zärtlichen Stellen am allerbesten. Nichts gegen Freddy. Aber Ügl-Ü (Chobots Sohn ist mittlerweile erwachsen) hat den Groove.

KURIER-Wertung: **** von *****

Spurensuche: Er wollte immer noch mehr sein

Eine Biografie lässt sich über Freddy Quinn nicht schreiben. Spuren kann man suchen. An der Identität des Vaters musste der deutsche Journalist Elmar Kraushaar, ein Kenner der Schlagerszene, scheitern. Kein Wunder: Der Sänger (Schauspieler, Zirkusartist), der mehr Nummer-eins-Hits im deutschsprachigen Raum hatte als ABBA, brachte so viel Verwirrendes und Falsches in Umlauf, dass sein ganzes Leben ein unwahrscheinliches geworden ist.

Vater war Triestiner? Vater war Ire? Deshalb der Name Quinn? Nein, Nidl heißt er, Manfred Nidl. Freddy war mit Vater jahrelang in West Virginia? Im Kinderheim war er, weil Vater abpaschte und Mutter andere Sorgen hatte.

Freddy Quinn war immer unzufrieden. Dabei war er einst ein Superstar. Vor seinem 80er heuer im September verschwand er so spurlos, wie er aus dem Nichts gekommen war.

David Simon – "Homicide"

Wie soll man sich nach "Homicide" noch einen Fernsehkrimi anschauen, in dem der Held verkündet, er werde "das" jetzt regeln? In der US-Stadt Baltimore gibt es nur wenige Tage, an denen niemand erstochen, erschlagen, erschossen wird. Da regelt kein Held etwas. Bestenfalls kann ein Team im Chaos etwas erreichen.

David Simon war als Reporter 1988 das ganze Jahr mit Detectives des Morddezernats unterwegs. Er spielte Mäuschen. Sein Buch, aus dem 1993 eine US-Fernsehserie wurde, ist Reportage. Polizeireportage. Sozialreportage. Die Polizisten haben ihre richtigen Namen behalten. Ihre Niederlagen und kleinen Siege werden akribisch festgehalten. Dem Strom der Gewalt wird auf mehr als 800 Seiten mit dem Notizblock gefolgt: "Das ist Baltimore, Schatz – duck dich!"

KURIER-Wertung: ***** von *****

Erri de Luca – "Das Gewicht des Schmetterlings"

Im Schatten, den der Baum wirft, erkennt der Neapolitaner eine Tischdecke, die der Baum freundlich ausbreitet; de Luca zieht deshalb seine Schuhe aus, bevor er die Decke betritt.

So einer ist das, und jetzt kann man sich auch die Poesie gut vorstellen, die aus seinem Roman spricht. Erzählt wird vom alten Mann und dem Berg. Ein Wilderer ist’s, der die schwerkraftlosen Gämsen bewundert, aber manchmal schießt, um ein Einkommen zu haben. Steinböcke schießt er nicht, weil die besonders zärtlich miteinander umgehen.

Auf der anderen Seite ein ebenso willensstarkes, einzelgängerisches Tier, der "König der Gämsen". Indem beide sterben, schließen sie Frieden. Wobei "Das Gewicht des Schmetterlings" den Ausschlag gibt, dass es zwischen Mensch und Natur keinen Sieger gibt. Ein altes Thema, das in dieser Form schwer beeindruckt.

KURIER-Wertung: ***** von *****

Franz Suess – "1160, Ottakring"

Das ist urlangweilig. Das alltägliche Einerlei wird bestenfalls unterbrochen, wenn der betrunkene Nachbar anklopft und einen Wasserschaden meldet.

Es ist höchst spannend, was der in Linz geborene Künstler Franz Suess mit Wort und Zeichnung daraus macht: den Comic-Roman "1160, Ottakring", der im 16. Wiener Bezirk spielt, mit einer Hauptfigur, die viel draufhätte, aber fast nichts hat, kein Geld, kaum Freunde, immerhin einen Fernsehapparat und ein Buch des Amerikaners Jonathan Franzen.

Der junge Mann spaziert durch den Brunnenmarkt, geht ins Ottakringer Bad, er wartet auf den Bus und er wartet im Bus – als Vorbereitung für später, wenn er im Altersheim aufs Mittagessen wartet und aufs Abendessen. Jede Seite ist eine Zeichnung mit Text, viele sind nicht bloß grau, sondern recht schwarz, und alle tun weh.

KURIER-Wertung: **** von *****