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Kultur
05/31/2019

Caravaggio und seine Jünger: Im Zentrum des Umbruchs

Eine Schau in München zeigt den Einfluss des Barock-Rebellen in Europa – im Herbst folgt Wien mit dem Original

Rom um 1600: Was muss das doch für eine Stadt gewesen sein. Mit 100.000 Einwohnern war das Zentrum der katholischen Welt damals zwar nur die viertgrößte Stadt Italiens, in den Straßen aber verschmolzen Stimmen aus ganz Europa. Von überall her kamen Pilger, Kleriker, Händler, Diebe, Prostituierte – und Künstler.

Die Schau „Utrecht, Caravaggio und Europa“, die bis 21. Juli in der Alten Pinakothek in München zu sehen ist, stellt anschaulich dar, wie sich die spezifische Stimmung der Metropole zu jener Zeit in der Kunst niederschlug. Die Schlüsselfigur ist Michelangelo Merisi, genannt Caravaggio (1571 – 1610): Er hatte die Schleuse geöffnet, durch die der Lärm, der Dreck, die Derbheit der Straße in sakrale Malerei, in Kirchen und Paläste überschwappen konnte.

Ein Beben mit Nachhall

Während man, um Caravaggio-Originale zu sehen, ruhig noch auf die große Schau des Wiener Kunsthistorischen Museums (ab 15.10.) warten kann, lohnt sich ein Besuch in München doch, um die Gemengelage zu verstehen, in der Caravaggio und seine vielen Nachfolger agierten. Der Ruf des wilden Malers, der mit dramatischen Lichteffekten und beklemmend realistischen Darstellungen die Konventionen der Malerei auf den Kopf gestellt hatte, verbreitete sich nämlich rasant und holte junge Künstler aus ganz Europa, teils noch keine zwanzig Jahre alt, in die ewige Stadt.

Es liegt nahe, hier Parallelen zu den transnationalen Bewegungen von Erasmus-Studieren von heute zu ziehen. Und auch der Drang junger Leute, dort zu sein, wo „es“ passiert, scheint sich in vierhundert Jahren nicht wirklich verändert zu haben.

Die nach Rom ausgewanderten Maler schlossen sich dabei auch zu Gruppen zusammen, die in Punkto Vollgas-Party ebenso nichts ausließen: „Schildersbent“ hieß eine berüchtigte, vorrangig aus Niederländern bestehende Bande, deren Mitglieder als „Bentvueghels“ in die Geschichte eingingen.

Achse Utrecht – Rom

Dirck van Baburen gehörte dieser Verbindung an – und zählte gleichzeitig zu jenen Künstlern, die man heute wegen ihrer gemeinsamen Herkunft als „Utrechter Caravaggisten“ bezeichnet. Sie stehen im Fokus der umfangreichen Münchner Schau, die das Echo Caravaggios anhand spezieller Bildthemen durchdekliniert: Biblische Heldenfiguren, Heilige und Szenen aus dem Leben Christi bilden dabei die Pfeiler renommierter Auftragskunst, bei der die Nordeuropäer in Rom oft direkt bei Caravaggio Maß nahmen (als die Utrechter um 1616 nach Rom kamen, war dieser schon tot.)

Doch mindestens so interessant – und am Sammlermarkt lukrativ – waren die Bilder von Spielern, Prostituierten und „lustigen Gesellschaften“, in denen das wilde Leben zum Vorschein kam, das die Künstler beobachteten und teils selbst führten.

Dass das Sakrale und Profane nicht mehr voneinander getrennt wurde, sondern sich auf vielfache Weise ineinander verzahnte, macht die Malerei dieser Epoche bis heute spannend. Ein „Heiliger Andreas“, vom Spanier Jusepe de Ribera um 1615 gemalt, streckt da seine dreckigen Fingernägel ins spärliche Licht. Schmutzige Füße hatte Caravaggio bereits in seiner heute im KHM befindlichen „Rosenkranzmadonna“ 1605/’06 bildwürdig gemacht – bei Baburen oder Hendrick ter Brugghen („Befreiung Petri“, 1629, Bild unten) werden sie regelrecht fetischisiert.

Bei Kerzenschein

Von allen Utrechtern war aber Gerard van Honthorst derjenige, der die längste Karriere verbuchen konnte: Sein Markenzeichen wurde die Darstellung von Kerzenlicht, bei der er Caravaggios markantes Helldunkel noch weiter entwickelte.

Honthorsts Bilder hatten wohl immer eine moralisierende Aussage – doch waren die zechenden Studenten, Kupplerinnen und singenden Schönheiten mit tiefem Dekolletée stets auch als Augenkitzel angelegt. Den Sammlern gefiel’s, die Nachfrage ermöglichte Honthorst später ein komfortables Leben als Leiter einer großen Werkstatt. Den Staub und Lärm der römischen Straßen hatte er da allerdings schon weit hinter sich gelassen.

INFO: Der Rockstar des Barock in München und Wien

Die Schau „Utrecht, Caravaggio und Europa“ gibt bis 21. Juli mit mehr als 70 Gemälden  einen Überblick über eine Kunst-Bewegung, die zwischen 1600 und 1630 von Rom ausgehend Europa  erfasste. Neben Werken von Orazio Gentileschi, Gerard van Honthorst oder Valentin de Boulogne sind einige Originale Caravaggios zu sehen, darunter die berühmte „Medusa“.

Das Kunsthistorische Museum besitzt den größten Bestand von Werken Caravaggios und seiner Nachfolger außerhalb Italiens. Für die Schau „CaravaggioBernini“ (15. Oktober 2019 -19.1.20101) werden zusätzlich Hauptwerke aus aller Welt herangeschafft, die – zusammen  mit  Preziosen des Bildhauers Gian Lorenzo Bernini  –   Einblick in die künstlerische Blüte Roms um 1600 geben sollen.