© Daniel Hofer

Interview
11/12/2020

Campino: "Man spürt, dass die Leute im Alltag aggressiver werden"

Der Sänger der Toten Hosen spricht im KURIER-Interview über Begeisterung, Entwurzelung und sein Buch „Hope Street“

von Brigitte Schokarth

Mit seinem Buch „Hope Street“ setzte sich Toten-Hosen-Sänger Campino an die Spitze der Spiegel-Bestsellerliste. Heute erscheint mit dem Tote-Hosen-Album „Learning English Lesson 3: Mersey Beat! The Sound Of Liverpool“ der Soundtrack zu dieser Erzählung von den Abenteuern als Fan des Fußballklubs FC Liverpool. Für diese Platte haben die Toten Hosen Klassiker von Bands der Liverpooler Szene der Sixties wie „Hippy Hippy Shake“ und „Sorrow“ gecovert.

KURIER: Sie haben die Corona-Zeit gut genützt ...

Campino: Tatsächlich hat mir die Pause aus einer Verlegenheit geholfen, weil ich das Buch sonst nur unter ganz anderen Umständen hätte fertigkriegen können. Andererseits ist diese Krise für andere sehr schwierig. Ich glaube, dass wir nicht so konstituiert sind, auf lange Sicht auf Umarmungen und wirkliche Begegnungen zu verzichten. Wir brauchen es, einander in die Augen zu schauen, wir brauchen den täglichen Dialog und die Wärme miteinander. Insofern kann Isolation allenfalls ein mittelfristiges Rezept sein. Ich glaube, dass wir es jetzt schon spüren, dass Leute dadurch vereinsamen und im Alltag aggressiver werden. Ihr in Wien musstet ja leider gerade schmerzlich erfahren, dass wegen Corona andere Probleme in der Welt nicht aussetzen.

Der Terror-Anschlag war tatsächlich ein Schock. Und er wirft Fragen auf, an denen man verzweifeln kann: Was treibt einen 20-Jährigen zu so einer Tat? Und wie kann man gegensteuern?

Menschen wie Donald Trump, die sich durchgesetzt haben, weil man das aufgrund demokratischer Vereinbarungen ertragen musste, sich aber im selben Moment über genau diese Regeln hinwegsetzen, sind kein Vorbild für Deeskalation, Gespräche und Vernunft. Auch das Internet hat Anteil an einer Verschärfung der Situation. Einzelgänger und Existenzen, die für krude Theorien und Parolen empfänglich sind, können sich permanent mit Inhalten versorgen, die ihre Denkweise stützen. Wenn das nicht wäre, hätten sie z.B. keine Ahnung von der Art und Weise der Bewaffnung, die man für ein Attentat benötigt. Und sie würden nicht die – nennen wir es „Grundkurse“ – für diesen extrem gearteten Hass verfolgen können. Jeder kann sich heute unter den vielen Informationsmöglichkeiten sein Medium aussuchen. Letztendlich liest der Mensch gerne die Nachrichten, an die er glauben möchte. Das fördert auch Gewalttäter, weil sie sich nur in ihrer Welt und ihrer Gedankenblase aufhalten können. Das ist schwer in den Griff zu bekommen.

Lassen Sie uns über Erfreulichers sprechen: In Ihrem Buch „Hope Street“ verbinden Sie Ihre FC-Liverpool-Abenteuer mit Ihrer Familiengeschichte. Wie ist es dazu gekommen?

Das hatte ich ursprünglich eigentlich nicht im Sinn. Aber ich musste ja zuerst erklären, warum ich ausgerechnet Liverpool-Fan bin. Das hat mit meiner englischen Mutter zu tun, weshalb ich auf die Ebene meiner Familienhistorie gekommen bin. Und dann fühlte sich das Ungleichgewicht nicht gut an, nur über die englische Seite zu berichten. So habe ich mich schließlich auch mit den Wurzeln meines deutschen Vaters beschäftigt.

Haben Sie sich durch diesen Familien-Hintergrund je entwurzelt gefühlt?

Entwurzelt wäre zu harsch ausgedrückt. Ich habe mich früher sehr nach England gesehnt, ohne dorthin ziehen zu können, weil das durch meine Lebensumstände als Schüler und Teenager nicht gegeben war. Aber immer, wenn ich mich in England aufhielt, hatte ich auch dort das Gefühl, nicht dazuzugehören. Als Junge habe ich mich nicht zu 100 Prozent deutsch gefühlt. Wenn die deutsche Fußball-Nationalmannschaft gespielt hat, habe ich mich davon nicht angesprochen gefühlt und gedacht, das ist nicht meine Mannschaft. Gleichzeitig habe ich lauter deutsche Freunde gehabt und mich damit völlig wohl gefühlt. Es gab verschiedene Bereiche, wo es Entfremdung gab, bei anderen Sachen passte es aber. Insofern hat mich das nicht zur Verzweiflung gebracht.

Können Sie nachvollziehen, dass Probleme mit dem Zugehörigkeitsgefühl Leute mit Migrationshintergrund zur Verzweiflung bringen?

Ja, das kann ich. Aber mit meiner englischen Herkunft war ich selbst 25 Jahre nach dem Krieg immer noch das Kind einer Frau, die aus einer der sogenannten Siegermächte stammte. Ich bin nicht nach Deutschland gekommen, sondern hier geboren, meine Mutter war nicht auf Suche nach Arbeit und Engländer sehen nicht anders aus als Deutsche. Das ist ein riesiger Unterschied. Wenn jemand nur eine leicht dunklere Haut hat und dadurch schon ausgegrenzt wird und blöde Sprüche bekommt oder deshalb vorausgesetzt wird, dass er gar nicht von hier ist, muss das eine riesige Belastung sein. Das sind Vorurteile, die schon von klein auf unheimlich subtil wirken können. Sagen wir zum Beispiel, in der Grundschule fehlt plötzlich eine Mütze, und von zehn Schülern wird automatisch aufgrund seiner Äußerlichkeit das Kind mit Migrationshintergrund als erstes verdächtigt. Das sind traumatische Erlebnisse.

Was war Ihnen wichtig, in Bezug auf die Familiengeschichte rüberzubringen?

Dieses Englische in mir! Die Kinder, mit denen ich zu tun hatte, wussten das auch alle. Ich war besonders stolz, wenn ein englisches Auto durch die Gegend gefahren ist, oder ich habe es allen unter die Nase gerieben, wenn ein englischer Sportler bei den Olympischen Spielen besonders gut war. So habe ich damals versucht, mich als englisch zu definieren und das auszudrücken. Aber mit meinen deutschen Freunden gab es deshalb keine Probleme. Mein einziger Konflikt bestand darin, dass meine Mutter ihre Heimat unendlich vermisst hat und in Deutschland unglücklich war. Wir Kinder haben darunter gelitten, dass sie sich hier nicht wohl gefühlt hat.

Inwiefern gelitten?

Vielleicht haben wir uns für ihr Unglück ein bisschen verantwortlich gefühlt. Wahrscheinlich hat sich meine Mutter uns Kindern gegenüber auch ein bisschen zu viel gehen lassen. Auf jeden Fall hat ihre Sehnsucht Konflikte zwischen meinem Vater und ihr ausgelöst. Das hat uns Kinder ganz schön mitgenommen, denn damit ist man in diesem Alter überfordert.

Eines der Dinge, die Sie bei den Recherchen für das Buch gelernt haben, ist, dass Ihr englischer Großvater bei der Labour-Partei war, worüber zuhause aber nie gesprochen wurde. Wie kamen Sie dann aber zu Ihrer politischen Einstellung?

Mein Vater war sehr politisch und wir haben seine Streitgespräche mit Parteifreunden und Gewerkschaftskollegen intensiv mitbekommen. Da hat es im Wohnzimmer oder am Telefon ordentlich gedonnert. Als Kind hinterfragte ich die politischen Überzeugungen meines Vaters nicht. Er war konservativ, Mitglied bei der CDU und hat damit nicht hinter dem Berg gehalten. Meine eigene politische Verortung kam dann später durch meinen ältesten Bruder. Genau an dem Tag, als Benno Ohnesorg erschossen wurde, zog er nach Berlin und geriet in die 68er-Szene. Deshalb war er sehr offen für linkspolitische Ideen. Er war das Gegenmodell zu meinem Vater. Ihm habe ich mich angeschlossen. Meine beiden älteren Schwestern waren in ihrem Gedankengut sogar noch radikaler. Sie sind bis heute überzeugte Grüne, waren schon immer Atomkraftgegner und demonstrierten häufig dagegen.

Sie haben in jedem Kapitel des Buches angeführt, um welche Spiele es sich handelt und wie sie ausgegangen sind. Haben Sie sich das immer aufgeschrieben?

Ja, ich habe immer Protokoll geführt. Schon in meiner Kindheit habe ich beim Tischfußball mit meinen Brüdern Statistiken geführt, wer welches Tor geschossen hat und wie die Ergebnisse ausfielen. Diese Zettel habe ich bis heute aufbewahrt. In meinem Buch wollte ich dieses pedantische und nerdige Verhalten nicht auslassen.

Sie nennen es „nerdig“. Ich würde sagen, dass das eher die Begeisterung für eine bestimmte Sache zeigt und das Buch ein Plädoyer dafür ist.

Genau darum geht es mir auch. Deshalb muss man nicht unbedingt Fußball lieben, um das Buch zu mögen. Ich habe eine solche Art der Begeisterung ja auch in der Musik gefunden, bin eine Zeit lang Bands wie New Model Army und den UK Subs ständig hinterhergefahren. Es geht dabei aber weniger um ein Team oder eine Band, der man folgt, sondern eher um die Reisen, die Abenteuer und das Zusammensein mit Gleichgesinnten. 

Sie gleichen Ihren ökologischen Fußabdruck der Reisen zu den Spielen mit Spenden aus. Ich nehme an, das ist das schlechte Gewissen in Bezug auf die Umwelt . . .

Natürlich, mir ist schon klar, dass meine Reisen für die Umwelt nicht gut sind. Innerhalb Deutschlands versuche ich, fliegen soweit es geht zu vermeiden, da ist mein erstes Mittel der Zug. Aber bei einer Auslandsreise würde ich zu viel Zeit verlieren, da muss es dann doch wieder das Flugzeug sein. Darauf bin ich nicht stolz. Deshalb rechne ich mir immer die Kompensationskosten aus und spende dann das Doppelte. Natürlich ist das trotzdem ein Selbstbetrug. Am besten wäre es, gar nicht zu fliegen. Aber das schaffe ich noch nicht.

Haben Sie Hoffnung, dass die Einsichten der Corona-Krise etwas daran ändern, wie die Menschheit in Zukunft mit der Umwelt umgeht?

Das sehe ich skeptisch. Man hat zwar gesehen, was es bringt, wenn wir weniger fliegen und weniger Auto fahren. Andererseits sind durch Corona in manchen Bereichen Umwelt-Belastungen entstanden. Der Verpackungsmüll ist gestiegen durch den Onlinehandel und weil die Restaurants die Speisen für den Lieferservice in Behälter geben mussten, und so weiter. Ich glaube, die Umwelt kann froh sein, dass Joe Biden Präsident geworden ist. Entscheidend ist, dass die Vereinten Nationen gemeinsame Anstrengungen unternehmen, um das Ruder herumzureißen, und es nicht bei Lippenbekenntnissen bleibt.Corona ist da eher eine Nebenbaustelle. Wir sollten nicht davon ausgehen, dass das die letzte Pandemie gewesen ist. Solche Szenarien werden immer wahrscheinlicher, so lange wir nicht aufhören, Raubbau an der Natur zu betreiben.

Das Tote-Hosen-Album „Learning Englisch Lesson 3: Mersey Beat! The Sound Of Liverpool“ ist der Soundtrack zu Ihrem Buch. Sie covern dafür Klassiker wie „Hippy Hippy Shake“ und „Sorrow“ und liefern damit durchwegs positive, aufbauende Energie. Wollten Sie einen bewussten Gegenpol zum Gefühl dieser Zeit setzen?

Wir wollten auf jeden Fall eine Gute-Laune-Platte machen. Das Album soll Lebensfreude verbreiten und den Spirit der sechziger Jahre in Liverpool abbilden. Es sollte diesen Sixties-Sound haben, angereichert mit dem Punch von heute und zeigen, wie wild und kreativ die Musik damals schon war.

Ist das eine Parallele vom Mersey-Sound und Ihrem Punk-Sound?

Es gibt unheimlich viele Parallelen. Die Rocknummern in den USA in den 50er-Jahren wurden oft als Shuffle gespielt. Es ging dann in Liverpool los, dass man den Beat im 4/4-Takt daruntergelegt hat. Das hat die Rockmusik für immer verändert und der europäischen Musik eine gewisse Härte gegeben. Wir sind alle Schüler dieses Konzepts, haben aber heute andere Sounds zur Verfügung und arbeiten mit anderen Tempi. Da hat sich eine andere Klangästhetik entwickelt, der wir Tribut zollen wollten, ohne den Sound von damals zu verraten. Großen Spaß hat uns auch gemacht, herauszufinden, wie viele Formen von verschiedenen Stilen es damals schon gegeben hat: Die Songs „Walking The Dog“ oder „I Can Tell“ kündigen die Hard-Rock-Bewegung an, während andere wie „Bad To Me“ reines Pop-Vergnügen sind.

Sie haben einmal gesagt, Punk war für Sie immer ein „Dafür“. Wie kamen Sie dazu, wenn das eigentlich eine Bewegung gegen das Establishment war?

Dieses Dagegen und die Verweigerung war der Sprachcode, aber im Grunde war es eine riesige Lebensfreude. Die Punks haben gesagt, wir haben nichts, wir kommen mit dem System nicht klar, wir finden unsere Eltern blöd, aber wir machen diese Musik aus verzweifelter Euphorie, weil wir unser Leben leben wollen. Letztendlich war es die pure Leidenschaft, Lebensunmut war nie dabei. Aber um uns von der älteren Generation abzugrenzen, war es als Provokation und Dagegensein verpackt.

Besuchen Sie Liverpool auch unabhängig von Fußballspielen?

Ich habe die Stadt über den Fußball lieben gelernt und bin oft auch dort, um Freunde zu besuchen und mir Konzerte anzusehen. Ich habe dort zum Beispiel Paul McCartney gesehen. Ich dachte, dass es bestimmt ein toller Moment wird, wenn er in der Stadt seiner Herkunft auftritt, und bin nicht enttäuscht worden. Das war wirklich eine ganz besondere Atmosphäre. Liverpool hat sich in den letzten 40 Jahren unglaublich geändert. Es wurde ja zum Weltkulturerbe erklärt, und man hat mit diesen Fördergeldern sehr gut gearbeitet. Es gab viele Initiativen, um die jungen Leute wieder in die Spur zu holen. Insofern ist es in weiten Teilen eine sehr offene, freundliche Stadt mit tollem Nachtleben. Aber es gehören immer noch vier Gemeinden Liverpools zu den zehn ärmsten von ganz Großbritannien. 

 

Warum haben sie Ihre für heuer geplante „Alles Ohne Strom Tour“ abgesagt und nicht auf 2021 verschoben?

Wir haben uns im Mai sehr ernsthaft damit auseinandergesetzt, wie die Chancen stehen, 2021 so einen Abend zu gestalten. Wir sind zu dem Ergebnis gekommen, dass das niemals unter normalen Bedingungen ablaufen kann. Jetzt sieht man, dass wir damit recht hatten. Großveranstaltungen werden auch im nächsten Sommer noch eine Zitterpartie sein: Dürfen sie stattfinden? Wenn ja, mit wie vielen Zuschauern? Wir hatten Konzerte mit 30.000, 40.000 Leuten auf dem Programm, größtenteils ausverkauft. Wem gibt man dann die Karten, wenn nur ein Bruchteil rein darf? Deshalb haben wir schweren Herzens abgesagt und uns darum gekümmert, dass unsere Crewmitglieder Geld für den ausgefallenen Sommer bekommen würden und sich neu orientieren können. Was ich aber sobald wie möglich nachholen will, ist die Lesung im Burgtheater. Darauf habe ich mich wahnsinnig gefreut, das ist nicht aufgehoben nur aufgeschoben.

Apropos Crew: Bei der Demo zur Kampagne „Alarmstufe Rot“ zur Rettung der Veranstaltungswirtschaft haben Sie gesagt, die Politik hat den Sommer verschlafen. Was hätte die Politik anders machen können, um große Konzerte möglich zu machen?

Ich habe mich damit nicht auf große Konzerte wie von den Toten Hosen bezogen. Dass es für solche Veranstaltungen noch kein passendes Sicherheitskonzept gibt, ist mir klar. Es geht zum Beispiel um die vielen kleinen Theater- und Kabarettbühnen, die sich Belüftungsanlagen gekauft und funktionierende Konzepte für Einlass und Abstand entwickelt haben. Ich hätte mir von der Politik gewünscht, dass man nicht alle Veranstaltungen über einen Kamm schert. Nach all den Monaten hätte man mehr differenzieren müssen und den Leuten, die den Mut hatten, zu kämpfen und zu investieren, eine Chance geben können. Ich bin auch schockiert über die gerade explodierenden Zahlen und unbedingt der Meinung, dass wir als Gesellschaft gewisse Konsequenzen gemeinsam tragen müssen. Aber der Diskurs über das „Wie“ muss offen bleiben, und man muss sich auch äußern dürfen, wenn etwas schiefläuft.

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