Burgtheater-Star: "Hatte das Bedürfnis, mich aufzuführen"

Caroline Peters
Foto: Kurier/Juerg Christandl  

Burgtheater- und Serienstar: Wenn Caroline Peters, 45, vom „Sich-Aufführen“ spricht, meint sie nicht nur ihre Rollen. Auch abseits der Bühne hat sie es ordentlich krachen lassen und erzählt in der freizeit von den Turbomotoren und Bremsklötzen ihres Lebens.

Frau Peters, Sie feiern  heute mit der „Orestie“ am Burgtheater Premiere. Das Stück ist 2.500 Jahre alt. Was sagen Sie jemandem, den das abschreckt?

Dass das Alter eines Stücks keine Rolle spielt und dass es in der „Orestie“ um Demokratie geht. Es ist verwirrend im Moment, weil wir alle denken, die Demokratie geht kaputt. Und wenn jeder individuell sein und das total ausleben will, gibt es irgendwann für nichts auf der Welt eine Mehrheit. Das ist der Prozess, in dem wir gerade stecken.

Aber ist die Sprache, die Aischylos damals verwendet hat, nicht schwer verständlich?   

Das Stück ist wirklich anders als alle Stücke, die ich bisher gespielt habe. Es kommt ja tatsächlich  aus einer anderen Zeit. Die Sprache ist aber aus den 80er-Jahren, durch die Übersetzung, die wir verwenden. Der Text ist nicht  persönlich und einfühlsam, aber es sind starke Bilder, die wir beschreiben. Wie jemand eine Waffe in der Hand hält, wie sie aussieht, wie derjenige sich verhält – diese Bilder bleiben  hängen.

Wir, das sind Sie und sechs andere Burgtheater-Schauspielerinnen. Wie war die Stimmung bei den Proben?

Es war irgendwie, wie in einem Bergwerk zu arbeiten. Das ist so ein großartiger Text vom Aischylos mit einer wahnsinnigen Schwere und einer dramatischen Sprache. Die Idee des Regisseurs  (Antú Romero Nunes) war, dass wir alles zusammen aus einem Chor heraus entwickeln. Wir sind also zu siebt ein Körper, der mal siebenstimmig, mal zwei-, mal einstimmig spricht. Das hat mich als Konzept überzeugt, ist aber in der Umsetzung echt hart.

Ein Körper für sieben Frauen: Uff!   

Mir war das vorher nicht so klar, aber man muss sich permanent zu siebt darauf einigen, wie man eine Rolle spielt, spricht und betont. Da ist man doch sehr vielstimmiger Ansicht. Aber wenn man sich vor Augen hält, dass es um Demokratie geht im Stück, ist das ein interessanter Prozess. Das Individuum und die Demokratie widersprechen sich total. Und was Schauspieler am Theater machen, ist eigentlich immer individuell.

Die Orestie | Aischylos | Burgtheater Foto: /Reinhard Maximilian Werner

Caroline Peters (3. von rechts) mit ihren Kolleginnen im Stück "Die Orestie"

Sie waren schon immer individuell, was Ihren Typ betrifft. Sie selbst haben sich als in der Jugend burschikos beschrieben und für typische Frauen-Rollen am Theater, wie die Julia oder das Käthchen von Heilbronn, ungeeignet. Wie konnten Sie sich trotzdem durchsetzen?   

Als ich 1995 am Theater angefangen hab’, war das Frauen- und Mädchenbild noch viel konservativer, auch dahingehend, wie man klassische Rollen am Theater spielen soll. Ich hab mich nicht wahnsinnig gut dafür geeignet, war aber noch zu jung, um andere Rollen angeboten zu bekommen. Und dann traf ich Regisseur René Pollesch, der seine Stücke selber schreibt und mit den Schauspielern daran arbeitet. Man bekam Texte, die man zu verwalten hatte, musste schauen, wie man sich verhält. Das war meine Rettung damals.

Was wäre sonst passiert?

Ich wäre am Theater sicher nicht weitergekommen, ohne in dieses Fach wechseln zu können. Seitdem hat sich zum Glück vieles verändert. Seit den 2000er-Jahren ist am Theater alles wilder, moderner und offener geworden.  Vieles wird nicht mehr als Verstoß gegen die Regeln gewertet, sondern als ein: „Das gibt es eben auch.“

René Pollesch sagte in einem ZDF-Interview einmal, dass am Theater in den Kategorien Erfolg und Misserfolg gewertet wird. Entweder bleiben die Menschen, die es machen, sichtbar oder unsichtbar. Wodurch sind Sie sichtbar geworden?  

Ich glaube, durch das Inhaltliche – dass man wirklich über was spricht, was einen interessiert und man dadurch eine ganz andere Kraft auf der Bühne entwickelt. Das ist für Männer viel leichter. Für sie gibt es viel mehr Rollen, die Text haben. Frauen haben oft  Texte wie: „Danke, nein, bitte, mach ich, helf ich dir.“ Wie soll man damit so richtig nach vorne kommen? Es ist halt wahnsinnig wichtig, jemandem zu begegnen, der in dir was sieht, was andere nicht sehen.

In der TV-Serie „Mord mit Aussicht“, in der Sie die Hauptrolle der Sophie Haas gespielt haben, zeigen Sie auch komödiantisches Talent. Wann haben Sie es entdeckt?

Bei Pollesch hatte schon alles viel mit Witz zu tun. Und dann begegnete ich an der Burg Regisseur Luc Bondy, was mich bewegt und  abgeholt hat – seine Geschichte, seine Bildung und sein ungeheurer Humor. Er sah in mir  meinen Witz, was mir für viele andere Sachen geholfen hat. Wenn dir jemand sagt: „Das fällt mir an dir auf!“, kannst du es plötzlich sehen. Man guckt zwar täglich in den Spiegel, aber man sieht sich nicht selbst in der Welt und weiß nicht, wie die Leute auf einen reagieren und man auf sie wirkt.

Warum haben Sie einmal gesagt, die Schauspielerei wäre ein merkwürdiger Beruf – wenn Sie das gewusst hätten, wären Sie einen anderen Weg gegangen. Ist Ihr Beruf wirklich so schwierig?

Ich finde es manchmal sehr schwierig. Es ist auch kein guter Beruf zum Altern. Das sieht man auch bei Filmstars. Wieviele bleiben denn übrig ab 50 aufwärts? Aber das kennt jeder. Man entscheidet sich für etwas, wenn man jung ist. Zehn Jahre später, nachdem man viel drüber weiß,  stellt sich  manchmal die Frage, ob man sich mit dem Wissen auch so entschieden hätte.  

Was war die treibende Kraft für Sie, Schauspielerin zu werden?  

Ich glaube, der Grund für mich anzufangen, war der Wunsch, mich begeistert auszustellen. Aber das ist, wenn man erwachsen wird, nicht mehr so notwendig. Ich hatte früher ein extremes Bedürfnis, mich unheimlich aufzuführen. Wenn diese Energie mal weg ist, stellt man sich die Frage: Warum eigentlich? Mit 20 wäre mir nie  in den Sinn gekommen, mir zu überlegen, ob ich das, was ich mache, gut oder schlecht finde. Es ging nur darum, dass ich es halt will.

Sie sagen, Sie hätten sich früher gerne aufgeführt: Die Band „TempEau“, die es leider nicht mehr gibt, hat für Sie 2006 ein Lied geschrieben. Der Text lautet: „Hier kommt Caroline Peters!  Der hellste Stern in jeder Nacht!  Ein Superstar mit Sex-Appeal, jeder will ein Kind von ihr!  Wodka trinken, tanzen gehn, mit ihr um die Häuser ziehn.“    Das Lied ist zauberhaft, ich liebe es immer noch sehr, obwohl mein Musikgeschmack inzwischen ein anderer geworden ist.  
Ihren Sex-Appeal sieht man. Sind Sie denn auch ein Kumpel zum Um-die-Häuser-Ziehen?

Ich weiß nicht. Ich merks am ehesten an meiner Lieblings-TV-Serie. Im Moment ist das „Modern Family“, wo ich mich mit den verschiedensten Figuren identifiziere, aber am meisten mit Claire, der Mutterfigur. Über sie wird immer gesagt, dass sie der Sohn ist, den der Vater nie hatte. Irgendsowas ist, glaub’ ich, in meiner Erziehung auch passiert. Da waren Anteile  für einen weiteren Sohn geplant, der ich aber nicht war.  Jetzt gibt’s was Gemischtes in mir.

Wenn wir nun um die Häuser ziehen würden: Trinken Sie Bier, Wein oder Prosecco?

Bier hab’ ich früher gerne getrunken, weil ich im Rheinland aufgewachsen bin. Da gehört Kölsch dazu. Aber das gefällt mir gar nicht mehr. Prosecco find ich ein grauenvolles Getränk. Da krieg’ ich Kopfschmerzen, wenn ich schon die Flasche sehe. Wein ist, dadurch, dass ich schon länger in Wien lebe, ein solches Geschenk. In Deutschland wäre ich nie so zum Weintrinker geworden. In Österreich kriegt man in jedem Kaffeehaus einen anständigen bis hin zum sehr guten Wein.

Sind Sie noch oft unterwegs?

Im Moment weniger, durch die viele Arbeit und die vielen Kinder im Freundeskreis. Das vermindert gemeinsame Stunden um 90 Prozent. Eigentlich bin ich eher gesellig. Aber die Zeit, aus der das Lied stammt, ist leider vorbei.

Mir ist aufgefallen, dass Sie in Interviews oft darauf angesprochen werden, dass Sie keine Kinder haben und nicht verheiratet sind. Ich finde, Sie reagieren darauf viel zu freundlich. Nervt Sie das nicht?  

Über die Phase, dass mich das total nervt, bin ich schon hinaus, weil es einem tatsächlich immer wieder begegnet. Die klare Annahme ist: Kinderlos und unverheiratet ist praktisch zweiter Klasse. Irgendwann denkt man: Okay, scheiß drauf! Aber es ist merkwürdig, dass man in unserer Gesellschaft als Frau jederzeit gefragt werden kann, ob man Kinder hat und falls nein, warum? Einem Mann wird die Frage nie gestellt. Das ist blöd, rassistisch und sexistisch.

Wie konnten Sie bei diesem Thema eine gewisse Gelassenheit entwickeln?  

Reine Gewohnheit, es ist halt so. Dabei habe ich heute noch in der Zeitung von einer Engländerin gelesen, die Chefin von Scotland Yard wird. Im Artikel steht, dass sie die Tochter berühmter Professoren ist – dazu unverheiratet und kinderlos. Da wird unterschwellig noch schnell vermittelt: „Aber sie ist halt auch scheiße unglücklich dafür, dass sie jetzt den ganzen Erfolg hat.“  Das muss immer sein.

Caroline Peters Burgtheater… Foto: /Barbara Reiter

Ich habe eine Liste der Themen erstellt, auf die Sie immer wieder angesprochen werden.  Lassen Sie uns die kurz durchgehen.

Okay.  

Stefan Raab. Er ist offenbar in dieselbe Schule gegangen wie sie.  

Das Thema mag ich gar nicht.

„Mord mit Aussicht“, die Serie, mit der Sie einer breiten Öffentlichkeit bekannt geworden sind.

Da denk ich gerne dran zurück. Das war einfach eine herrliche Rolle. (Eine Kommissarin wird von der Stadt aufs Land versetzt, Anm.)

Besprochen wurde auch oft, dass Ihr Vater Psychiater ist.  

Ja, da kann man immer viel darüber reden, obwohl ich das Interesse nie verstanden habe. Das war schon in der Schule so. Aber ich hatte ja meinen Vater immer vor Augen und weiß nicht, was sein Beruf in anderen auslöst.   

Haben Sie Ihren Vater je um seelischen Beistand gebeten?

Dass er so der Kummerkasten war und man sich Rat holt, gab es nie. Aber er hat tolle Sachen gesagt. Wenn ich mal nicht in die Schule gehen wollte, meinte er: „Es gibt so Tage, da kann man nicht und darf auch sagen, dass man krank ist, obwohl es nicht stimmt. Aber dann musst du im Bett bleiben.“ Dann hatte man einen Tag im Bett und konnte lesen. Das fand ich gut und hab das weiter mitgenommen in mein Leben.

Was machen Sie heute noch?

Heim gehen, ins Bett  legen und lesen!

Reinhard Maximilian Werner/Burgtheater… Foto: Reinhard Maximilian Werner freizeit.at-button

THEATER- UND SERIEN-STAR

Caroline Peters
Foto: Kurier/Juerg Christandl

Caroline Peters, 45,  wurde 1971 in Mainz als Tochter eines Psychiaters und einer Literaturwissenschaftlerin geboren und hat eine Schwester und einen Halbbruder. Sie absolvierte ihre Schauspielausbildung in Saarbrücken und hatte ihr erstes Theater-Engagement in Berlin. Danach spielte Peters an zahlreichen, angesehenen Schauspielhäusern. 2006 wurde sie Ensemblemitglied des Wiener Burgtheaters.  Über ihre Eingewöhnung in Österreich sagt sie: „Als ich hierherkam, haben mich viele Leute für zu direkt und forsch gehalten.  Mittlerweile fällt mir das nicht mehr so auf. Ich glaube, ich habe mich da angepasst.“  Bekannt wurde Peters durch ihre TV-Rolle als Kriminalkommissarin Sophie Haas in der Erfolgsserie „Mord mit Aussicht“. Seither ist sie immer wieder in großen TV-Filmen zu sehen.  Die Schauspielerin lebt in einer Beziehung.

(KURIER freizeit am Samstag) Erstellt am
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