Kultur
23.10.2017

Burgtheater-Premiere: Tragikomödie mit Backenbart

Alvis Hermanis inszenierte an der Burg "Schlechte Partie" von Alexander Ostrowski. Unerheblich.

In seinem Stück "Schlechte Partie", 1878 fertig gestellt, erzählt der russische Dramatiker Alexander Ostrowski, ein Zeitgenosse von Nestroy, eine sentimentale Geschichte: von einem betörenden, aber mittellosen Mädchen, das in der kapitalistischen Welt zum Objekt der Begierde reicher Kaufleute wird. Larissa unterwirft sich gelangweilt dem System: Sie hofft nicht länger auf Liebe; nur der Glanz von Perlen und Gold vermag sie noch zu locken.

Am Samstag hatte die Tragikomödie über "Die arme Braut" (wie ein anderes Stück Ostrowskis heißt) in einer überbordenden Inszenierung Premiere. Von der ersten Sekunde an beeindruckt das pittoreske Bühnenbild im Cinemascope-Format.

Der lettische Regisseur Alvis Hermanis ließ wohl lastwagenweise alte Möbel, Gemälde und Tand herankarren. Aus Stellwänden sonder Zahl baute er ein äußert liebevoll eingerichtetes Puppenhaus mit Salon, diversen Zimmern und auch einem Gasthaus. Die biedermeierlich gemusterten Tapeten beginnen sich bereits abzulösen; und zwischen den Genrebildern in Streuhängung entdeckt man einen alten Holzpracker.

Trübsal blasen

Eigentlich spielt sich das Konversationsdrama im öffentlichen Raum, vor den Blicken aller, auf einer Kaffeehausterrasse in einer Provinzstadt am Ufer der Wolga ab. Hermanis aber verlegt die Handlung ins Private. Das hat Charme. Mit seiner bewusst altmodischen Inszenierung, die das russische Lebensgefühl – "Trübsal!" – episch ausbreitet, greift er aber auch massiv (und nicht nachvollziehbar) ein. Denn er verschiebt den Fokus von der puppenhaften Larissa, die in atemberaubend bunten Folklore-Kostümen (von Kristine Jurjane) den Männern tanzend die Augen verdreht, auf den "Hahnenkampf" zwischen dem "brillanten" Paratow und dem "niederen" Beamten Karandyschew.

Quasi als Ouvertüre beginnt Hermanis seinen langen wie langatmigen Abend mit einer konstruierten Geburtstagsfeier für Larissa. Dörte Lyssewski als (Puff-) Mutter schlägt aus der Schönheit ihrer Tochter gierig Kapital, im Salon sitzen ausschließlich Männer, und alle tragen Backenbärte, mit denen sie bei Weltmeisterschaften antreten könnten. Peter Simonischek als immens reicher Knurow, der Altersgeilheit mit väterlicher Güte kaschiert, trägt zudem ondulierte Löckchen.

Nur einer hat nicht mehr zu bieten als ein paar lausige Ziegenbarthaare: der korrekte, geltungssüchtige Karandyschew, dem Michael Maertens mit bekanntem Jammerlappenton Gehör zu verschaffen versucht. Auch er vergöttert Larissa: Wenn er sie eroberte, wäre er wohl gesellschaftlich anerkannt.

Aber dann tritt Nicholas Ofczarek auf. Gegen dessen breitbeinigen Paratow, der Überlegenheit durch Langsamkeit im Ausdruck und höhnisches Lachen gewinnt, hat das Würschtl Karandyschew keine Chance: Paratow sieht in ihm nur einen Diener, dem er im Vorbeigehen Zylinder und Handschuhe übergibt.

Ofczarek und Maertens geben also nach "Endspiel" wieder das ungleiche Komödiantenpaar. Der eine Publikumsliebling darf erniedrigen, der andere sturzbetrunken wanken. Larissa ist Knall auf Fall in Paratow verliebt – und sie vertraut ihm blind: Marie-Luise Stockinger lässt sich von Ofczarek die Taschenuhr aus der Hand schießen. Warum, fragt Maertens sich, zieht die Frau den lasterhaften Mann eigentlich dem unbescholtenen vor?

Bitterböses Spiel

Karandyschew erreicht – Zufall! – dennoch sein Ziel. Was Paratow natürlich nicht akzeptieren kann. Höhepunkt der Inszenierung ist ein bitterböses Spiel im Speisezimmer des Beamten, der prahlen will – und fürchterlich auf die Schnauze fällt.

Hermanis genießt es, Wendungen wie "keine jüdische Hast" und "Zigeunerleben" artikulieren zu lassen. Und er will alles ganz genau erzählen, er gibt auch den Nebenfiguren viel Gestaltungsspielraum. Knurow und der Kaufmann Woschewatow (Martin Reinke) entscheiden zum Beispiel mit dem Wurf der Münze über Larissa. Und Paratow hat von einer Reise einen mittellosen Schauspieler mitgebracht: Fabian Krüger nervt als gefügiger Tölpel "Der Robinson" .

Zwischen den Szenen rotiert die Drehbühne, in den vorbeiziehenden Kanapees und Fauteuils dösen die Männer. Die Augen offen zu halten: Damit tat man sich auch im Publikum schwer.