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Literatur

Buchkritik: Dževad Karahasan baut "Ein Haus für die Müden"

Der 66-jährige bosnische Schriftsteller nimmt sich das Recht auf Melancholie, auch in seinen Büchern.

von Peter Pisa

03/02/2019, 05:00 AM

Es gibt ein Recht auf Melancholie. Der bosnische Schriftsteller Dževad Karahasan - Bild oben - nimmt es sich, auch in seinen Büchern.
Er ist – wie Theophrast – überzeugt, der Mensch ist alles, was er einmal war , was er einmal gesehen und getan und gedacht und gefühlt hat. Die Summe aller Momente.
Das ist eine schwere Last. Da muss man manchmal eine Pause einlegen..
Karahasan hat deshalb „Ein Haus für die Müden“ gebaut; nach „Der Trost des Nachthimmels“ und „Der nächtliche Rat“ – historisch und bei den Kritikern ein Erfolg nach dem anderen.
Jetzt fünf melancholische Geschichten, wobei Briefe, die erst mit monatelanger Verspätung an ihrem Ziel eintreffen, weniger mit Müdigkeit zu tun haben.
Eher mit der Liebe.

Frühstücksritual

Eltern sterben, auch der Ehepartner stirbt, ein Sohn zieht von daheim aus ... so verlieren die Tage ihre Form, so zersplittert die Welt. Sie bietet kein ganzes Bild mehr, und wenn es im Buch auch in Sarajewo geschieht, beginnend 1914, so hat man nie das Gefühl, dass es heute anderswo anders ist.
Der Geschäftsführer der Zeitung Bosnische Post bemüht sich um sein Frühstücksritual – weil er damit die Stabilität der Welt gewährleisten will, sogar während des Ersten Weltkriegs.
Sein Sekretär serviert ihm Kaffeepulver im Kupferkännchen, er selbst tröpfelt heißes Wasser hinein, rührt mit dem Löffel um, auch vertikal, von oben nach unten  mischt er, und er nippt und beißt vom Geleewürfel ab. Das ist Signal für den  Sekretär, um ihm die aktuellen Briefe zu bringen und sie zu öffnen.

Ersatz für den Tod

Lustlos wird weitergearbeitet bzw -gelebt. Dževad Karahasan nützt die Zeit, um abzuschweifen. Zum Beispiel, indem er sich Gedanken übers Reisen macht:
Schon immer sind Menschen „auf Reisen gegangen, um etwas in sich oder in ihrem Leben zu verändern, und deshalb wurde die Reise als Ersatz für den Tod angesehen. Schon immer haben rechtschaffene Leute vor der Reise ihre Rechnungen beglichen und sich von ihren Lieben verabschiedet, weil sie damit rechneten, dass sie, wenn sie von der Reise zurückkämen, ein anderer sein würden.“


Dževad
Karahasan:
„Ein Haus für die Müden“
Übersetzt von
Katharina Wolf- Grießhaber.
Suhrkamp Verlag.
239 Seiten.
24,70 Euro.

KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern

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