Kultur
01.12.2017

Buchkreaturen auf der Suche nach dem Licht

Mark Z. Danielewski in Wien: Sein berühmtestes Buch ist – ein Haus. Jetzt arbeitet der Amerikaner an einer TV-Serie... ohne TV.

Das Buch, das man wie ein Haus durchwandern kann, ist wie ein Computerspiel. Ist wie eine Gruft. Ist Horror.

"Das Haus – House of Leaves" (Verlag Klett-Cotta) machte den Amerikaner Mark Z. Danielewski vor 15 Jahren berühmt. Innen ist es größer als außen, Wände verschieben sich, über Nacht erscheint ein finsterer Gang mit Wendeltreppe. Selbst erfahrene Bergsteiger, die im Buch hinunterklettern, werden nie ans Ende kommen.

Wörter sind bei ihm spiegelverkehrt, Fußnoten verdrängen den Haupttext, Sätze stehen kopf – zurzeit arbeitet Danielewski an einem noch gewaltigeren Literaturmonstrum: 27 Bände soll "The Familiar" am Ende haben. Fünf gibt es in den USA bereits, noch ist keiner ins Deutsche übersetzt worden.

Morgen, Samstag (2. Dezember 2017), ist der 51-Jährige bei den Erich Fried Tagen im Wiener Literaturhaus zu Gast. Beginn um 20.30 Uhr, Eintritt frei.

KURIER: Warum müssen Sie immer experimentieren, wenn Sie schreiben?

Mark Z. Danielewski: Verzeihen Sie, wenn ich gleich zu Beginn widerspreche ... aber unglücklicherweise würde ich, wenn ich Ihre Frage so annehme, die ungeheure Arbeit und den Einfluss von so bedeutenden Autorinnen und Autoren wie Emily Dickinson, Laurence Sterne, Guillaume Apollinaire ... außer Acht lassen. Sie alle haben die visuelle Bedeutung von Text erforscht.

Na gut, dann halt etwas gespreizter: Wie kommen Sie dazu, das Potenzial eines Romans anders einzuschätzen als es in der zurzeit allgemein akzeptierte Form der Fall ist?

Ich bin nicht wirklich an Büchern interessiert, die sich an vermarktbare Konzepte halten. An den verfügbaren Regalplatz in Buchhandlungen etwa. Oder an die durchschnittliche Seitenanzahl. Solche Bücher sind wie Kreaturen, die es an die Spitze eines Hügels geschafft haben, wo sie einen sehr hohen, toten Baum umkreisen, der dann und wann, wenn ein Sturm aufzieht, Blitze anzieht und in Flammen aufgeht.

Und welche Kreatur interessiert Sie?

Jene, die unten bleibt. Eine staubige Kreatur, die auf der Suche ist nach den richtigen Steinen, nach der richtigen Art Moos. Eine Kreatur, die sich weigert, im Schatten auf das Licht zu warten. Eine Kreatur, die die Steine aneinanderschlägt und für uns alle eine Flamme erzeugt.

Ist die Welt nicht schon kompliziert genug?

Doch. Aber wenn wir auf einem Verstand beharren, der sich nicht auf komplexe Zusammenhänge einlässt, dann berauben wir uns ihrer Fülle und Reichhaltigkeit. Unseren Verstand abstumpfen zu lassen, um dem Mittelmaß zu genügen, bedeutet: Wir verschließen unsere Augen vor der stärkenden Kraft der Schönheit.

In Österreich weiß man so gut wie nichts über Ihr Riesenprojekt "The Familiar".

So sehr es dabei um ein kleines Mädchen geht, das ein ganz einzigartiges Kätzchen rettet, so sehr geht es auch darum, dass wir – um die Welt besser zu verstehen – das Fremde zum Vertrauten machen müssen. Deshalb können die Buchseiten von "The Familiar" nicht auf eine einzige, vertraute Art gestaltet sein. Sie müssen vor neuen Energien und ungewöhnlichen Perspektiven platzen.

Man hört, die 27 Bände sollen wie eine TV-Serie funktionieren. Wozu denn das? Man kann ja gleich die Filme drehen.

Bei allen meinen Romanen geht es darum, ein Erlebnis zu bieten, das man nirgendwo sonst findet. Sollte das Konzept von "The Familiar" aufgehen, so würde eine darauf folgende Umwandlung in eine Fernsehserie weniger wirkungsvoll sein – und Ihre Frage damit auf den Kopf stellen:Warum eine TV-Serie, wenn man die Bücher haben kann? Ich sehe, Sie lächeln ...

Ein Gespräch mit Ihnen muss auch von Katzen handeln. Was fasziniert Sie denn so an ihnen?

Wie ein Freund von Victor Hugo einmal scherzte: "Gott hat die Hauskatze erschaffen, damit der Mensch einen Tiger streicheln kann." Katzen sind ebenso wörtlich wie metaphorisch. Sie symbolisieren sich selbst und bleiben gleichzeitig diese mächtigen Raubtiere, die keine Rücksicht auf sich nehmen. Sie sind der Text, der abbildet, genauso wie sie das Leben sind, das keine Abbildung braucht. Sie umfassen all das, wonach große Literatur strebt: ebenso gut zu erzählen wie zu sein.

INFO: www.erichfriedtage.at