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Klassikfestival Grafenegg: Wegweisende Werke zum Jubiläum

Rudolf Buchbinder eröffnete am Freitag die 20. Ausgabe - und die letzte, die der Star-Pianist als Leiter verantwortet.
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Für einen Moment war es, als würde der Wald hinter dem Wolkenturm innehalten. Nahezu so, wie es Goethe in „Wanderers Nachtlied“ in Verse gefasst hat. Tatsächlich mischte sich keine einzige Vogelstimme ins Geschehen auf dem Konzertpodium. 

Klimawandel und Hitze lassen hoffentlich nur in diesen Tagen die gefiederten Sänger verstummen, doch diese beklemmenden Umstände blendete Rudolf Buchbinder zumindest zwei Stunden lang aus, als er sein Klassikfestival in Grafenegg mit zwei gigantischen, wegweisenden Werken eröffnete, Beethovens „Chorfantasie“ und Carl Orffs „Carmina Burana“. Zwei Marksteine in der Musikgeschichte, die zum Anlass oder besser zu den Anlässen passten. 

Denn diese Festivalausgabe ist die 20. und die letzte, die der Star-Pianist als künstlerischer Leiter verantwortet. Dem Festival bleibt er aber als Präsident und als Musiker verbunden. Zudem wurde bereits ein neu gebauter Saal nach ihm benannt. 

Jubiläumswürdig ist die Besetzung des Festivals. Bis 6. September sind die bedeutendsten Musikerinnen und Musiker zu Gast: Die Wiener Philharmoniker führen mit Tugan Sokhiev, dem Dirigenten des Neujahrskonzerts 2027, Symphonien von Mozart und Mahler auf, Lahav Shani kommt mit seinen beiden Orchestern, Rotterdam Philharmonic und den Münchner Philharmonikern, das Bayreuther Festspielorchester spielt mit Pablo Heras-Casado am Pult, Andreas Schager in der Titelrolle, Georg Zeppenfeld als Gurnemanz Auszüge aus Richard Wagners „Parsifal“ auf.

Riccardo Muti kommt mit seinem Jugendorchester, Orchestra Giovanile Luigi Cherubini zum Finale. Buchbinders Pianisten-Kollegen aus zwei Generationen, Martha Argerich und Víkingur Ólafsson kommen, Rezitals von Asmik Grigorian und Piotr Beczala (dieses bereits am 16. 8. um 11 Uhr) stehen an, Camilla Nylund tritt in einer konzertanten Aufführung von Korngolds Oper „Die tote Stadt“ auf. Die herausragenden Cellisten Gautier Capuçon und Julia Hagen sind ebenso unter den Künstlern zu finden.

Passend also, diese Wochen mit einem Schlüsselwerk zu beginnen. Beethovens „Chorfantasie“, sein erster Versuch, Gesang mit symphonischer Musik zu verbinden, der ihn später zur „Neunten“ führte. Das Faszinierendste an dieser Komposition ist der Klavierpart. 

Markante Anschläge

Eine diffizile Einleitung, die wie eine Improvisation anmutet. Buchbinder intoniert diese mit seinem speziellen Gespür für Beethoven. Markante Anschläge, die zwischen einer gewissen Härte und einer einnehmenden Leichtigkeit und fulminanten Trillern changieren. Das Hauptthema bringt er zum Schweben. Beim Dialog mit dem Orchester ist es er, der die Spannung hält. Cristian Măcelaru dirigiert das Philharmonia Orchestra London mit Zurückhaltung. Eindrücklich geriet das Bläserthema. Exzellent intonierte der Wiener Singverein (Einstudierung: Johannes Prinz). 

Der Chor war naturgemäß auch das Kraftzentrum bei Carl Orffs „Carmina Burana“, einem Schlüsselwerk der Chorliteratur des 20. Jahrhunderts. Mit höchster Präzision artikulierten die Damen und Herren die lateinischen und mittelhochdeutschen Texte der Gesänge. 

Beim „O Fortuna“ ließ es Măcelaru ordentlich krachen. Nikola Hillebrand sang den Sopranpart betörend mit furiosen Höhe. Bariton Germán Olvera absolvierte seine Solo-Passagen achtbar. Nicholas Phan interpretierte das Klagelied eines Schwans, der aus der Bratpfanne von seinem Schicksal erzählt, herzzerreißend. Sehr erfreulich ergänzten die Wiener Chormädchen. Ovationen.

KURIER-Wertung: 4 Sterne (von 5)


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