© Lee Posey

Literatur
01/07/2022

Willy Vlautins neuer Versuch, vom Mixer nicht zerhackt zu werden

"Nacht wird es immer": Der Roman über eine junge Frau, die trotz doppeltem Job keine Chance hat

von Peter Pisa

Wenn es von Willy Vlautin (Foto oben), dem amerikanischen Musiker („Richmond Fontaine“) und Schriftsteller aus Oregon, einen neuen Roman gibt, dann bekommt man es gleich wieder zu spüren:

„Wir alle sind ein M & M in einem Mixer voller Eiscreme, und keiner von uns will klein gehackt werden. Wir tun fast alles, um nicht in Stücke gehackt zu werden ...“

Vlautin hat es geschafft, dem Milieu am Rand der Gesellschaft zu entkommen.

Die junge Lynette in „Nacht wird es immer“ versucht es.

Wie die sich bemüht!

Um 3.15 Uhr in der Nacht läutet der Wecker. Aber ihr Bruder Kerry zieht ihr schon früher die Bettdecke weg. Kerry ist 32, ein paar Jahre älter als Lynette. Er ist auf dem geistigen Stand eines Dreijährigen geblieben..

Lynette zieht ihn an und nimmt ihn in die Bäckerei mit, wo sie Croissants zum Fertigbacken in den Ofen schiebt und alles für den Konditoreibetrieb herrichtet.

Am Vormittag sitzt sie im College und hört sich eine Vorlesung über Buchhaltung an. Wieder ist Kerry bei ihr. Letzte Reihe, denn Kerry furzt meist laut, wenn er sein Frühstückssandwich gegessen hat.

Günstig

Gegen Abend arbeitet Lynette in der Bar eines Restaurants. Da passt dann Mutter auf Kerry auf – wir erleben diese Mittfünfzigerin meist auf dem Sofa, rauchend, Gin trinkend, die Heizdecke hochgezogen. Manchmal arbeitet sie bei einem Juwelier.

Lysette hat 80.000 Dollar gespart, damit sie das gemietete Haus, in dem sie zu dritt wohnen, kaufen können. Die Bank würde einen Kredit geben. Sonst wird das Haus nämlich anderwärtig verkauft, dann wird’s teuer, eine Wohnung zu finden. Die Preise haben stark angezogen.

Ein fremdes Auto steht vor dem Haus. Wem gehört der Toyota? fragt sie. Er gehört – Mutter. Nur 39.000 Dollar. Ratenzahlung. Mutter wollte sich etwas gönnen. Sie fährt selten Auto. Schreien könnte man beim Lesen.

Willy Vlautin ist nie sentimental, wenn er von den Abgerutschten erzählt. Allerdings wird man es bei seinen Geschichten.

Der (amerikanische) Traum, wonach jede(r) durch starken Willen und Arbeit alles erreichen kann, ist ausgeträumt. Die Bücher Willy Vlautins sind auch außerhalb der USA wichtig.


Willy Vlautin:
„Nacht wird es immer“
Übersetzt von
Nikolaus Hansen.
Berlin Verlag.
288 Seiten.
25,95 Euro

KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern

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