© Arie van 't Riet / Mixtvision

Literatur
10/29/2020

... und wieder 21 Bücher, ganz kurz

Diesmal mit Röntgenbildern, der Amalfiküste, dem Schubertpark in Wien-Währing, Yoga-Übungen, Nordkorea, Kreisky und Spaghetti mit gefrorenem Menschenfleisch.

von Peter Pisa

Im Röntgenbild werden Skelette nett

Kinderbuch. Röntgenbilder von Tieren und Pflanzen lassen eine neue Welt entstehen; und nicht nur bei Kindern Fragen aufkommen: Haben Schnecken kein Herz? Wo ist es denn geblieben? (Das Bild oben stammt aus diesem Buch.) „Nette Skelette“ ist  schön und ganz schön gescheit. Der Niederländer Arie van't Riet prüft normalerweise mit seinem Röntgenapparat, wenn Kunstsammler den Auftrag geben, ob alte Gemälde echt sind. Er kann nämlich unter die oberste Farbschicht schauen. Schaut er sich im Röntgenschirm Fische, Frösche, Vögel usw an, wird er selbst zum Künstler, der den Schwarzweißbildern etewas Farbe mitgibt. Die Tiere sind alle tot. aber van't Riet hat sie nicht getötet: Meist fand er sie überfahren auf der Straße oder kaufte sie jemandem ab, der sie ausstopfen lassen wollte. Die Redensart, mir gehen die Augen über (so fasziniert ist man), trifft es sehr gut.

Jan Paul Schutten und Arie van't Riet:

"Nette Skelette" Mixtvision Verlag. 252 Seiten. 24,90 Euro

KURIER-Wertung: ****

 

Herr Schmidt hat im Süden Erfolg

Portugal. Der Autor ist Hamburger, heißt Schmidt und räumt als Drehbuchautor Preise ab. Er nennt sich Gil Ribeiro, wenn er Portugal-Krimis schreibt – mit einem deutschen Polizisten an der Algarve,  der am Asperger-Syndrom leidet. Das bedeutet bei ihm: Er analysiert genial Verbrechen, aber  Liebe muss er erst verstehen lernen. Humor ebenfalls. Vierter Roman: Es geht um Briefbomben. Dass das Buch sofort Bestseller wurde, ist verständlich.

Gil Ribeiro:
 „Schwarzer August“
 Kiepenheuer & Witsch.
400 Seiten.
16,50 Euro

KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern

 

2 Mal Canaletto aus Wien-Hernals

Zeitreise. Jüdisches Leben in der Wiener Vorstadt, bevor 1938 der Wahnsinn ausbrach. 32 Prozent der Wohnungen hatten nur einen Wohnraum (aber im ersten Bezirk: 30 %  mehr als sieben Zimmer). Vom Leben meist längst toter, aber namentlich bekannter Bewohner wird erzählt, von „Arisierungen“ – Möbelfabrikant Ernst Hirsch mit Villa in Hernals besaß zwei Venedig-Ansichten Canalettos. Weiß jemand, wo sie geblieben sind?  

Evelyn Adunka und
Gabriele Anderl:
 „Jüdisches Ottakring und Hernals“
Mandelbaum Verlag
400 Seiten. 28 Euro

KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern

 

Finale für die Spiegelreisende

Fantasy. Wo man ist, wenn man „hinter dahinter“ ist:  „Die Spiegelreisende“ hat es  geklärt. Mehrmals wurde im KURIER von der französischen Fantasy-Serie geschwärmt. Mit  „Im Sturm der Echos“ geht sie zu Ende.  Wahrscheinlich war Gott zornig und tobte: Die Erde ist zersplittert, jede Splitter eine eigene Welt. Die schüchterne Ophelia kann durch Spiegel reisen und Gegenstände „lesen“. Die Bücher sind so viel mehr als bloß Harry Potters Nachfolger.  

Christelle Dabos:
 „Im Sturm der Echos.
Die Spiegelreisende Band 4“

Insel Verlag. Übersetzt von Amelie Thoma. 613 Seiten. 18,50 Euro

KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern

 

Ein Mord, während Jedermann stirbt

Salzburg. Es gibt ein Gewurl, Gschaftlhuaba sind da und aufgspritzte Nockn – es geht wienerisch zu, obwohl Inspektor Glück – keine Witze über seinen Namen, das mag er gar nicht –  in seinem vierten Roman in Salzburg weilt. Moretti stirbt  als Jedermann auf der Bühne, im Publikum rutscht ein Millionär tot vom Sessel. Leichte Strandlektüre – funktioniert heuer aber durchaus ohne Strand.

Christine Grän und
Hannelore Mezei :
  „Glück in Salzburg“
 Ars vivendi Verlag.
264 Seiten. 14,90 Euro

KURIER-Wertung: ***

 

Schwarze Milch, immer anders

Paul Celan. Sein berühmtes Gedicht „Todesfuge“ , 1944 geschrieben, handelt von der Vernichtung der Juden, vom Platz, den sie in den Massengräbern nicht fanden ... aber gegen eine eindeutige Deutung wehrt es sich, jede(r) wird die „schwarze Milch“ anders verstehen. Der Hamburger Literaturwissenschaftler Sparr ist inspirierend, was die "Todesfuge" und Paul Celan betrifft.

Thomas Sparr:
 „Todesfuge - Biographie
eines Gedichts“
Verlag DVA.
336 Seiten. 22,70 Euro

KURIER-Wertung: ****

 

Totenkopf statt Schwammerln

Schweden. Vierter Einsatz für den unsympathischen, arroganten  Stockholmer Kommissar Bäckström: Ein Pfadfinder aus der Nachbarschaft bringt ihm den Totenschädel, den er  statt Schwammerln im Wald gefunden hat. Eindeutig ein Mordopfer, das allerdings schon vor Jahren bei einem Tsunami gestorben ist. Komplizierte G’schicht mit der Karikatur eines schwedischen Polizisten.

Leif GW Persson:
 „Wer zweimal stirbt“
 Übersetzt von Julia Gschwilm.
Heyne Verlag.
576 Seiten. 16,50 Euro

KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern

 

Karl May zieht sich zurück

Erinnerung. Es gibt eine Verbindung zwischen Karl May und einem  Spannteppich. Auch zwischen Dauerwelle und Poesiealbum.. „Es“ verschwindet aus manch einem Leben. Was zum Gewohnten gehört hat, ist weg. Martin Meyer, langjähriger Kulturchef der Neuen Zürcher, findet nicht alles besser, was früher war. Aber ... gut war’s schon. Man lernt, was früher nicht so bekannt war, Meyers feinen Humor kennen.

Martin Meyer:
  „Gerade gestern“
Hanser Verlag.
320 Seiten.
23,70  Euro

KURIER-Wertung: ****

 

Netzwerken im Mittelalter

Amalfi. Amalfi und die Küste sind zurzeit leer, d. h. ohne Touristen – man kann  vor der nächsten Reise, die kommen muss, historisch aufrüsten: erste italienische Seerepublik, Netzwerker mit anderen Ländern, Frauen als Unternehmerinnen, Adelige und Bauern bildeten Genossenschaften – Amalfi war früh modern.
Etwas weniger wissenschaftliches Benehmen hätte das Buch weiter geöffnet.

John Morissey:
  „Amalfi – Moderne im Mittelalter“
Mandelbaum Verlag.
224 Seiten.
22 Euro

KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern

 

Kein Bedarf für Hundesuppe

Nordkorea. Der Norweger Morten Traavik organisierte das erste Rockkonzert in Nordkorea und kennt wegen seiner vielen Aufenthalte das Land recht gut. Umso erstaunlicher ist es, dass er, wenn er von Nordkorea erzählt, vor allem witzig sein will und sich lustig macht.  Das Rezept für Hundesuppe wird man genauso wenig brauchen wie jenes für  Kimchi mit 200 Kilo Chinakohl und acht Kilo Salz für eine ganze Armee.

Morten Traavik:

„Liebesgrüße aus Nordkorea“
Übersetzt von Stefan Pluschkat.
Suhrkamp Verlag.
292 Seiten. 18,50 Euro

KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern

 

Neustart für Donald Duck, 12 Jahre alt

Comic-Roman. Eigentlich ist Donald Duck schon 86. In der neuen Reihe ist er 12. Micky Maus geht mit ihm in die Schule (und war schon damals uninteressant). Das ist Donalds erster Comic-Roman – also: kaum Sprechblasen, sondern Fließtext und viele Zeichnungen. Oma Duck ist pleite, eine Bank bekommt den Bauernhof, Donald hat etwas dagegen. Für kleine
Leser etwas kompliziert.

Jimmy Gownley (Text) und
 Jay P. Fosgitt (Zeichnungen):
 „Young Donald Duck: Immer ich! Vom Pech verfolgt“  Egmont Ehapa Media. 216 Seiten. 9 Euro

KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern

 

Auf dem Friedhof ertrunken

Mühlviertel. Auf einem Grab (nicht IN einem Grab) kniet eine männliche Leiche, die  Hände zum Gebet zusammengebunden. Ein Politiker, den es nach Wien zog. Todesursache? Ertrunken. Das ist knifflig genug für den brummigen Mühlviertler Chefinspektor Oskar  Stern. Persönlicher Lieblingssatz im Buch: „Wo sind wir überhaupt?“ Unter den vielen Regionalkrimis einer der Guten.

Eva Reichl:
 „Mühlviertler Grab“
Gmeiner Verlag.
348 Seiten.
14  Euro

KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern

 

Keine Alm wegen der Gespenster

Südtirol. Wenn Ruhe auch durch Bewegung entstehen kann, ist die Gegend um Meran wie ein Zen-Kloster. 32 Wanderungen , alle familienfreundlich, werden ausführlich besprochen. Am abenteuerlichsten ist der nostalgische Korblift, in dem man stehend zum Meraner Höhenweg befördert wird. Die Alm oberhalb der Kaserfeldalm wurde übrigens wegen
 Gespenstern aufgegeben.

Oswald Stimpfl:
 „Die schönsten Wanderungen
rund um Meran“
Folio Verlag.
128 Seiten. 15 Euro

KURIER-Wertung: ****

 

Sprachmächtiger Irrsinn

Wien 18. Dieser Krimi macht nervös. Da sammelt ein Mann Hundekot und will reden _ aber mit dem Friedhof. Jemand anderer warnt: Im Meer ist zu wenig Weihwasser! Alles, weil im Währinger Schubertpark zerfleischte Beine auf der Babyschaukel liegen. Über den Tod kann man kein Gras wachsen lassen sozusagen.  Ein sprachmächtiger Irrsinn gegen Vorurteile und Rassismus. Aber anstrengend.

Wilfried Oschischnig:
 „TodesSchmäh“
 Verlag CW Niemeyer
432 Seiten.
14 Euro

KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern

 

Papyrus ohne Dan Brown

Rom. Der Kriminalroman ist gut verpackte Wissenschaft. Religionswissenschaft, Archäologie. Ein Papyrus aus dem 1. Jahrhundert wird entdeckt, er erzählt vom Grab der Mutter Jesu. Das hat finanziellen Wert und ist  außerdem brisant. Autor von der Lahr ist Alhistoriker und kein professioneller Verschwörungstheoretiker wie Dan Brown. Sein voriger Roman „Hochamt in Neapel“ hatte allerdings  mehr Schwung.

Stefan von der Lahr:
 „Das Grab der Jungfrau“
Verlag C.H. Beck.
400 Seiten.
20,60 Euro

KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern

 

Bröckelnde Fassade mit Kochtipps

Eva Rossmann. Es gibt heuer keinen „richtigen“ Krimi mit der kochenden Journalistin Mira Valensky, aber mörderische Kurzgeschichten  mit ihr und ihren Freunden, sogar ihre Katze spielt diesmal mit und verhindert ein Verbrechen. Die schönen Fassaden der Menschen werden abgerissen. Außerdem überzeugt Eva Rossmann, dass in der Küche Innereien nicht zu Meeresfrüchten passen.

Eva Rossmann:
 „Vom schönen Schein“
 Folio Verlag.
285 Seiten.
18 Euro

KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern

 

Gefrorener Mensch aus Nudelfabrik

Tessin. Was Menschen Menschen antun, das treibt Sandra Hughes aus Basel beim Schreiben an. Wenn eine tiefgekühlte Frauenleiche im Tessin in einer Spaghettifabrik gefunden wird, so hängt das mit einem einstigen Kinderheim zusammen, in dem einst kleine Bewohner angekettet wurden. Der Unterschied zu üblichen Krimis: Die Autorin bemüht sich um Stil, der Roman legt viel Wert auf Form.

Sandra Hughes:
 „Tessiner Verwicklungen“
 Kampa Verlag.
221 Seiten.
15,30 Euro

KURIER-Wertung: ****

 

Bullerbü, das war einmal schön

Schweden. „Thriller“ ist das keiner, wie’s auf dem Buchdeckel steht. Düster ist das.  Vom Bestseller „Löwenzahnkind“  bleibt die Tristesse in der schwedischen Provinz, Bullerbü war einmal, nicht nur die Stockholmer Ermittlerin Charlie Lager hat Alkoholprobleme. Was geschah mit einer vermissten 16-Jährigen? Der geheimnisvollste Satz im Roman lautet: „Du bist der Mann, und ich bin die Frau.“

Lina Bengtsdotter:
 „Hagebuttenblut“
Übersetzt von Sabine Thiele.
Penguin Verlag.
512 Seiten. 13,40  Euro

KURIER-Wertung: ***

 

Wie ein Kipferl zum Kaffee

Kaffeehaus. Der Herr Burkhardt war’s nicht. Obwohl er sehr seltsam ist. Jede halbe Stunde bestellt er ein Glas Wasser.  Der neue Kellner im Floridsdorfer Café Schopenhauer war aber auch nicht derjenige, der einen Gast, eine in die Jahre gekommene Schauspielerin, umgebracht hat. Oberkellner Leopold ermittelt  zum 13. Mal.  Das ist immer  einfallsreich und angenehm wie das Kipferl zum Kaffee.

Hermann Bauer:
 „Grillparzerkomplott“
Gmeiner Verlag.
282 Seiten.
13 Euro

KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern

 

Charmant und beleidigend

Kreisky. Es kann nicht genug Kreisky geben ... wenn sich der ehemalige ORF-Journalist Ulrich Brunner, zuletzt Intendant des Landesstudios Burgenland und heute rüstige 82 ist er, erinnert: an Kreiskys Widersprüche, die ihn zur  spannenden literarischen Figur machen würden. Zornig war er und charmant. Schimpfen konnte er, und fast hätte man vergessen, dass er Zilk und seine Frau „Hutschenschleuderer und Tschinellen-Fifi“ nannte.

Ulrich Brunner:
 „Lernen S’ Geschichte, Herr Reporter“
 Ecowin Verlag.
272 Seiten. 24 Euro

KURIER-Wertung: ****

 

Ein Hase ist wie ein Espresso

Gelassenheit. Der Hase wirkt wie ein  Espresso. Aber nur, wenn damit eine Yoga-Figur gemeint ist. Knien, Gesäß leicht nach oben, Stirn  gegen den Boden und Richtung Scheitel rollen. Wie kann ich die Rolle als Mutter, Partnerin, Frau, Mensch annehmen? Stephanie Doms lehrt Gelassenheit, Selbstfürsorge, Klarheit. Ihr Ratgeber gibt  Energie (wie eine morgendliche Grätsche mit den Fäusten in der Hüfte).

Stephanie Doms:
  „Das Mama-Gleichgewicht“
 Stadelmann Verlag.
200 Seiten.
19,90 Euro

KURIER-Wertung: ****

 

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