© dpa-Zentralbild/Britta Pedersen

Literatur
01/29/2021

T.C. Boyles neuer Roman: Schimpansen lügen schlecht

Über den Versuch, Affen zum Sprechen zu bringen (den es in den USA tatsächlich gegeben hat)

von Peter Pisa

Lucy trank gern Gin, ihr Lieblingsmagazin war National Geographic, und es konnte geschehen, dass sie plötzlich aufsprang und den Staubsauger holte, um mit dem Saugrohr zu masturbieren.

Lucy war kein Affe mehr, aber auch noch kein Mensch, sie war irgendwo dazwischen: Als einer der ersten Schimpansen lernte sie die etwas vereinfachte Gebärdensprache. Wollte sie eine Zigarette, sagte sie mittels Handzeichen: „Gib mir bitte diesen weißen Rauch!“

Lucy bekam in den 1970er-Jahren von einem US-Universitätsprofessor und seiner Assistentin Sprachunterricht, und schon als sie die

90 Zeichen kannte, war sie in der Lage zu schummeln.

Schimpansen können lügen. Nicht gut, aber immerhin: Lucy kackte auf den Teppich und behauptete, das habe nicht sie, sondern die Assistentin gemacht.

Lieber Wein

Das ist eine wahre Geschichte; und sie hat T.C. Boyle zu „Sprich mit mir“ umgewandelt und fortgesetzt

Weiß man, dass es Versuche, Schimpansen zum Sprechen zu bringen, gegeben hat, fehlt die erste Überraschung.

Boyles Schimpanse heißt Sam, trinkt Wein und isst am liebsten Pizza. Professor Guy, bei dem er wohnt, hat mit der Studentin Aimee, die sich um Sam kümmert, ein Verhältnis – vor allem aber hat Aimee ein besonders inniges Verhältnis mit Sam: Die beiden mögen einander sehr, Aimee findet sich mit Menschen schlechter zurecht.

Aber was, wenn es kein Forschungsgeld mehr gibt? Wenn Sam weg muss, in einen Käfig gesperrt und darauf vorbereitet wird, um für medizinische Experimente missbraucht zu werden?

Derartiges geschah meist.

Doppelt stark

Jetzt wird’s bissl Tschingbum – Boyle taucht in den Kopf des Affen ein, Aimee entführt Sam und lebt mit ihm in einem Wohnwagen in den Bergen. Das kann kein gutes Ende nehmen – das wird niemanden überraschen.

Ausgewachsene Schimpansen sind doppelt so stark wie der stärkste Football-Stürmer.

„Sprich mit mir“ ist reich an Facetten, und wenn man auch nie das Gefühl hat, dass es sich um einen der besten Romane des Kaliforniers handelt, so lässt er nicht kalt.

Das Buch macht etwas mit den Lesern, man wird länger darüber nachdenken wollen. Ob sich Schimpansen fragen, warum sie im Käfig sitzen und nicht die Menschen?


T.C. Boyle:
„Sprich mit mir“
Übersetzt von Dirk Gunsteren.
Hanser Verlag.
352 Seiten.
25,70 Euro

KURIER-Wertung: ****

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