© Wikimedia Commons/Susanna Carolina Faesch, a.k.a. Caroline Weldon, CC BY-SA 4.0

Literatur
07/30/2022

Sitting Bull bekam Tipps aus der Schweiz

Neues von Alex Capus: „Susanna“ spielt mit der Biografie der Porträtmalerin Caroline Weldon

von Peter Pisa

Wo ist der Wilde Westen?

Basel um die Jahre 1848/49 ist guter Romanstoff in Händen des Schweizers Alex Capus, kein Zweifel. Frauen durften keine bunten Bänder im Haar tragen, Männer bei der Arbeit nicht singen, die Obrigkeit kontrollierte es ... aber bald kommt die Revolution.

Aber wann kommt Sitting Bull?

Es war nämlich eine 45-jährige Frau aus Basel, die den einst mächtigen Häuptling nicht nur malte (1890, für Kinderzimmer ihres Sohnes, jetzt hängt das Ölbild im Museum, siehe oben).

Sie wurde Sitting Bulls Privatsekretärin im Reservat, seine Beraterin, auf die er nicht immer hörte. Zeitweise lebte sie mit dem von den Weißen verspotteten Mann in einem Zelt. Er hätte sie gern geheiratet.

Bisher hieß es: Diese Frau war Caroline Weldon aus New York. Erst seit kurzem weiß man, Weldon war ihr Künstlername als Porträtmalerin.

Sie hieß Susanna Faesch (1844 – 1921).

Der Schweizer Journalist Thomas Brunnschweiler hat ihr Leben recherchiert, sogar eines ihrer Tagebücher fand er. Brunnschweilers Romanbiografie „Die Zwischengängerin“ erschien voriges Jahr.

Emanzipiert

Jetzt angelt Alex Capus nach einem größeren Publikum und nimmt sich Freiheiten.

Mit dem Wilden Westen hat er uns schon in „Skidoo“ (2012) unterhalten. Und z.B. mit einem Erfinder bekannt gemacht, der eine Rüstung gegen die Hitze erfand.

Der Mann erfror in der Wüste, so gut funktionierte sein Sonnenschutz.

An Sitting Bull ist Capus leider wenig interessiert

Er kümmert sich um „Weldon“ Faesch bereits, als sie aufgeweckte fünf ist – ein Satansbraten, sehr selbstbewusst. Ihre Mutter – emanzipiertes Vorbild – geht mit ihr nach Amerika zu einem neuen Ehemann, ihren alten lässt sie im müden Basel.

Susanna wird selbst Mutter, erzieht ihren Sohn gern allein, er mag Indianer, Buffalo Bills Wildwestshow schaut er sich Dutzende Male an, es tritt auch – traurig und stolz – Sioux-Häuptling Sitting Bull auf.

Dass er General Custer am Little Bighorn geschlagen hat, ist Jahre her. Er tingelt als Zirkusattraktion durchs Land, 50 Dollar die Woche, Eisenbahn dritte Klasse.

Capus zögert die Begegnung hinaus. Er schreibt lieber, zwanghaft blütenweiße Hemden bei Männer haben die Schweizerin abgestoßen, ebenso mochte sie keine übertriebenen Manieren beim Essen – die wilde Natur sei ihr lieber gewesen.

Andeutungen nerven: Der Autor kündigt an, etwas liege in der Luft. Wenige Zeilen später steht, es sei etwas im Busch.

Fehlt nur noch, dass die Einschläge näher kommen bzw. man kann etwas förmlich spüren ...

Endlich! Susanna bringt Erdäpfel und Reis und Marshmallows ins Standing Rock Reservat. Sie warnt Sitting Bull vor den Soldaten, die nur einen Anlass suchen, um die Sioux zu vernichten.

Sitting Bull tritt erst zehn Seiten vor dem Ende des Romans in Erscheinung. Auch das hat er sich nicht verdient; und die Leser haben diesmal von Alex Capus etwas mehr verdient.

Bild unten: Alex Capus


Alex Capus:
„Susanna“
Hanser Verlag.
288 Seiten.
25,95 Euro

KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern

 

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