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Literatur
07/02/2021

Salman Rushdie: Redselig, bis der Ziegenkäse gerinnt

Texte 2003 bis 2020 von einem Schriftsteller, der wahrscheinlich auf Bücherregalen lebt

von Peter Pisa

Salman Rushdie kann nerven, vor allem wenn er, als großer Freund der Märchen aus Tausendundeiner Nacht, mit Dschinns daherkommt, die durch Ritzen in New York eindringen. Zuletzt hat er 2019 mit „Quichotte“ genervt, als er mit Unnötigem um sich schlug.

Und dann, nach „Mitternachtskinder“ (1981) und auch nach „Golden House“ (2017), würde man ihn für den Nobelpreis nominieren.

„Sprachen der Wahrheit“ sind irgendwo in der Mitte, je nachdem, welchen Text man gerade liest. Es sind gesammelte Vorträge und Essays für Zeitungen aus den Jahren 2003 bis 2020, alle wurden fürs Buch überarbeitet, manche sind sehr interessant, manches muss man nicht wissen, alle erwecken den Eindruck, der heute 74-Jährige lebt auf Bücherregalen – und genau das ist seine liebste Vorstellung, und zwar in alle Ewigkeit.

„Sein“ Virus

Schreibt er z.B. über Charakter („Charakter ist Schicksal“), schafft er nicht nur den Sprung zu Heraklit, sondern sogar zu dessen Fragment 84, das – hurra, kein Kalenderspruch – so lautet:

„Ziegenkäse zerlassen

in warmem Wein gerinnt

wenn er nicht gut gerührt“

Solches liest sich gut.

Wie Rushdie seine Helden preist – Philip Roth, Márquez, Pinter, Vonnegut ... –, ist es keine Angeberei. Sondern immer Aufforderung zur eigenen Kreativität; oder zumindest zum Lesen.

Es drängte ihn auch, von Muhammad Ali zu berichten, von seiner Freundin Carrie Fisher („Star Wars“) und vom Supermodel Linda Evangelista, über Wahrheit und Zensur musste er etwas sagen, und wie man „feuchte“ Literatur schreibt (und warum), verrät er. Das Autobiografische kennt man bereits.

Der indisch-englische Schriftsteller meint, mit den Dschinns (also mit Fiktion) könne man die Welt in ihrer Vielfältigkeit und Seltsamkeit besser einfangen. Er bedauert, dass die Literatur zurzeit von realistischen Geschichten beherrscht werde. Wird sie denn das?

Jedenfalls gehört der Essay über seine Auseinandersetzung mit dem Coronavirus zum Besten im Buch. Und ist purer Realismus. (Rushdie ist Asthmatiker.)

Welche Ihrer Neigungen bedauern Sie? „Meine Redseligkeit.“ Eine sympathische Selbsteinschätzung. Und besser als Schweigen.


Salman Rushdie:
„Sprachen der
Wahrheit“
Übersetzt von Bernhard
Robben und
Sabine Herting.
C.Bertelsmann.
480 Seiten.
26,90 Euro

KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern

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