© Urban Zintel

Literatur
08/07/2020

Robert Seethaler: Mahlers 9. Symphonie in Worten

„Der letzte Satz“ beschreibt nicht Musik des Komponisten, sondern macht selbst Musik.

von Peter Pisa

Seine Bücher werden dünner.

Zuletzt reichten Robert Seethaler 240 Seiten, als ein halber Friedhof zu Wort kam.

„Der letzte Satz“ über Gustav Mahler kommt mit 120 aus.

Irgendwann wird nur eine Seite Seethaler in den Buchhandlungen liegen. Der Verlag wird Probleme mit der Preisgestaltung haben. Aber Leser werden sagen: Ja, das ist es!

Keine Toten

„Der letzte Satz“ ist vielleicht deshalb kurz, weil das Leben nur ein Hauch ist (Hiob, Kapitel 7, Vers 7)).

Nein, nein. Seethaler - Foto oben - widerspricht:

„Das Leben ist KEIN Hauch. Es ist wertvoll und groß. Es ist das einzige, was wir haben.“

Ein solcher Widerspruch lässt sich wiederholen ... bei der Feststellung, früher waren seine Bücher optimistischer, glücklicher – in den neueren Romanen gibt es viele Tote.

„Stimmt nicht, ich bin jetzt optimistischer und glücklicher. Es gibt überhaupt keine Toten. Der Tod ist nichts, aber mit dem Tod im Bewusstsein erzählt es sich besser.“

In „Das Feld“ (2018) reden 29 Verstorbene übers seinerzeitige Leben.

„Na eben: Erzählt wird immer nur vom Leben. Oder vom Sterben. Aber das gehört ja auch zum Leben.“

(Wie angenehm ist es, kein Interview mit Robert Seethaler zu führen.

Er mag Interviews über sein Schreiben gar nicht.)

Der Wiener schreibt – und überlegt nicht viel. „Man geht einfach drauflos. Wenn ich vorher schon alles wüsste, müsste ich nichts mehr aufschreiben. Ich schreibe Bilder, Sätze, Geschichten bloß auf, damit ich danach weiß, wie sie klingen.“

Schiffsreise

Gustav Mahler hat in New York das letzte Konzert dirigiert, nun reist er, akut herzkrank, auf dem Schnelldampfer zurück nach Europa; in Wien wird man ihn drei Monate später begraben.

Die junge Alma, die der 50-Jährige an den jungen Architekten Gropius verloren hat, frühstückt mit Töchterchen Anna im Speisesaal, während Mahler auf einem für ihn abgesperrten Teil des Sonnendecks sitzt und fiebert, friert und Tee trinkt und sich erinnert.

Als er tobte.. Als er wie ein Kind war und viel lachte. Als er Erfolg hatte, als Dirigent und Komponist, als Tochter Marie an Diphtherie starb. Als Gropius irrtümlich einen Liebesbrief nicht an Alma, sondern an ihn, Mahler, adressierte. Als er Freud um Hilfe bat ...

Dass es viele Bücher zum Thema gibt, es darf nicht kümmern: „Wenn ich mir Gedanken darüber machen‚ könnte ich wahrscheinlich keinen Satz schreiben“ (Robert Seethaler).

Musik beschreiben, das geht kaum. „Sobald du Musik beschreiben kannst, ist es entweder schlechte Musik oder eine schlechte Beschreibung.“

Aber Musik schreiben, Musik mit Worten „machen“, das gelingt den Besten.

Verstummen

Gustav Mahlers Neunte Symphonie, die letzte vollständige, ist alles. Ist Freude, Blumen, Berge, ist Schock und Leid und dann Abschied von der Liebe und der Welt.

„Der letzte Satz“ ebenso.

Kein Hauch (wenn’s denn nicht sein darf), aber es weht Musik, und ein verletzliches Leben verweht.

***

Der Schiffsjunge, der Gustav Mahler heißen Tee servierte: Als er viel später vom Tod seines berühmten Passagiers erfährt, denkt er, so völlig naiv: Er habe diese Musik zwar nie gehört, aber schade, dass sie jetzt, mit dem Komponisten, für immer verloren sei.

Nur so ein Gedanke: Mit dem Künstler verstummt seine ganze Kunst. Ewig.

Man könnte nicht leben.


Robert Seethaler:
„Der letzte
Satz“
Hanser Berlin.
128 Seiten.
19,90 Euro.

KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern

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