Die Gen Z will „das Gras berühren“
Welcher Vogel wären Sie heute gerne? Auf diese Frage muss gefasst sein, wer Robert Macfarlane interviewt. Macfarlane ist Professor für Literatur und „Environmental Humanities“ in Cambridge. Man könnte das mit „Umweltgeisteswissenschaften“ übersetzen. Dass es dort so ein Fach gibt, sagt viel aus über das Land, aus dem Macfarlane kommt. Und es erzählt einiges über seine Arbeit. Macfarlane ist einer der bekanntesten Autoren des sogenannten „Nature Writings“, einem Genre, das literarisches Schreiben mit Naturbeobachtung verbindet. Gemeinsam mit der Künstlerin Jackie Morris hat er international erfolgreiche Bücher gemacht, die Naturlyrik und Kunst verbinden. Soeben erschienen ist „Das Buch der Vögel“, eine Hommage an klassische Naturführer. Der KURIER erreichte den Autor per Videocall in Cambridge.
KURIER: Mr. Macfarlane, wer im Bereich Umwelt arbeitet, hat nicht nur gute Nachrichten zu überbringen. Was erzählen Sie Ihren Studenten, damit diese nicht völlig verzweifeln?
Robert Macfarlane: Ich habe mich auf folgenden Gedanken geeinigt: Verzweiflung ist ein Luxus, und Hoffnung ist eine Disziplin. Welches Recht habe ich, zu verzweifeln? Umweltaktivisten auf der ganzen Welt begeben sich in teils lebensgefährliche Situationen, um sich für eine bessere Zukunft einzusetzen! Und ich sehe „Hoffnung in der Dunkelheit“, wie es die Schriftstellerin Rebecca Solnit bezeichnet. Geschichten über Flüsse, die wieder zum Leben erwachen. Auch bei Vögeln gibt es außergewöhnliche Berichte von Erholung und Widerstandsfähigkeit.
Ihr „Buch der Vögel“ war sofort nach Erscheinen auf Platz 1 etlicher Bestsellerlisten. Warum wollen Menschen in Zeiten derartiger Krisen über Vögel lesen?
In England ist die Vogelbeobachtung unter jüngeren Menschen unglaublich beliebt. Für die Generation Z ist sie der zweitschnellstwachsende Zeitvertreib. Das hat auch mit Entfremdung von der realen Welt und digitaler Überforderung zu tun. Die Verbindung zu Vögeln bedeutet, sich dieser Welt wieder anzunähern, mit eigenen Ohren unvermittelt anderen Gemeinschaften zu lauschen. Im Englischen gibt es den Ausdruck „das Gras berühren“: Es bedeutet, sich wieder mit der lebendigen Welt zu verbinden. Das fasziniert mich, und ich glaube, es fasziniert Millionen von Menschen. Eine der beiden größten Mitgliederorganisationen Englands ist die Royal Society for the Protection of Birds mit 1,2 Millionen Mitgliedern – viel größer als jede politische Partei.
Robert Macfarlane, geboren 1976, gilt als bedeutendster Naturschriftsteller der Gegenwart. Für den „Guardian“, die „Sunday Times“ und die „ New York Times“ schreibt er über Umweltschutz, Literatur und Reisen. Seine Bücher „Berge im Kopf“, „Karte der Wildnis“ und „Alte Wege“ wurden allesamt Bestseller, ebenso wie das Buch „Die verlorenen Wörter“, das er gemeinsam mit der Künstlerin Jackie Morris gestaltet hat. Mit ihr hat er nun auch „Das Buch der Vögel“ herausgebracht. Ein Kompendium von 49 Vogelarten, von Auerhuhn bis Ziegenmelker, die gegenwärtig in Europa bedroht sind oder deren Bestände stetig schwinden. Es geht darin aber weniger um das klassische Bestimmen von Vogelarten als darum,sich „mit ihnen zu identifizieren“.
Sie fragen in Ihrem Buch nicht: „Was ist das für ein Vogel?“, sondern: „Wer ist dieser Vogel?“
Ja, das ist der Unterschied zwischen der Erkennung einer Art und der Erkennung eines Individuums. Wenn ein Vogel unseren Weg kreuzt, haben auch wir seinen Weg gekreuzt. Ich kenne die Namen und Adressen aller Vögel in meinem Garten. Ich weiß, dass da eine Heckenbraunelle nistet, dort in den Buchen eine Goldamsel und dass da drüben ein Rotkehlchennest ist. Vögel sind meine Nachbarn, sie sind meine Mitbürger.
Im Buch kommen auch Spatzen vor – in Österreich nicht wirklich gefährdet.
Zumindest geht der Spatzenbestand in Deutschland zurück. Wenn man in meinem Land jemanden fragt, ob die Spatzenbestände zurückgehen, wird man ein „Nein“ hören. Tatsächlich befindet sich der Spatzenbestand bei uns im freien Fall. Ich kenne die österreichischen Zahlen nicht, aber ich weiß, dass ihr in den vergangenen 50 Jahren fast 50 Prozent eurer Feldvogelarten verloren habt. Solche Verluste sind oft schwer zu erkennen. Das gilt besonders für Arten, die wir als alltäglich ansehen. Genau das ist in Großbritannien geschehen. Wenn die Menschen das begreifen, sind sie zutiefst schockiert, besonders, was den Spatzen betrifft, weil er ein Nachbar ist, ein Stadtvogel, der in unseren Hecken nistet, in unseren Giebeln lebt und uns gewissermaßen Gesellschaft leistet.
Es gibt auch Erfolgsgeschichten. Etwa die des Waldrapps, der in Europa als ausgestorben galt, aber durch Artenschutzprojekte in Österreich wieder neue Lebensräume hat. Kennen Sie ihn?
Ein faszinierender Vogel, aber den gibt es in England nicht. Lassen Sie mich Ihnen eine Frage stellen: Wenn Sie für einen Tag ein Vogel sein könnten, welcher wäre das?
Ich mag Graureiher, wie sie auf ihren langen Beinen an Seen und Bächen stehen, weit über das Wasser blicken, sich hin und wieder einen Fisch schnappen und dann ganz gelassen davonschweben. Andere Frage: Kennen Sie Jonathan Franzen persönlich? Der schreibt ja auch über Vögel.
Leider nicht. Vielleicht sollte ich ihm mein Buch schicken. Glauben Sie, er würde sich freuen?
Unbedingt!
Robert Macfarlane,
Jackie Morris:
„Das Buch der Vögel“
Ullstein.
384 Seiten.
35,00 Euro