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Literatur
03/13/2021

Nobelpreisträger Ishiguro macht auf Disney

„Klara und die Sonne“ schaut sich in der Zukunft Maschinen mit Herz und Menschen ohne Seele an

von Peter Pisa

Es sagt der Enkelsohn schluchzend zur Oma: „Meine Freundin hat Schluss gemacht.“

Die Oma dreht sich zur Kamera: „Soll sich nicht so anstellen!!! Aber das kann ich ihm nicht sagen ...“

Und sie fällt ihm um den Hals, schimpfend, die Freundin sei eine Schlampe.

Denn Oma nimmt Empathie forte, 1 Kapsel täglich: Dann merkt niemand, dass ihr alles egal ist.

Künstliche Freundin

Der Spaß-Werbespot geht zurzeit durchs Internet.

Kazuo Ishiguro (Foto oben), der Nobelpreisträger von 2018, muss sich mehr einfallen lassen. Etwas zwischen Jane Austen und Franz Kafka (so charakterisierte die Stockholmer Jury seine Bücher).

Der Engländer, in Nagasaki geboren, ist bekannt für Romanfiguren ohne Mitgefühl. Ihnen setzt er jetzt KF entgegen.

Künstliche Freunde.

Große Roboter für Kinder, damit sie nicht einsam sind in einer zukünftigen Welt (einer asiatischen?), über die wir wenig (aber genug) erfahren. Maschinen haben viele arbeitslos gemacht, die Kluft zwischen Arm und Reich ist riesengroß, die Kinder der Wohlhabenden bekommen Gene gespritzt, damit sie „besonders“ werden ...

Das ist nur der Hintergrund, unscharf, damit sich deutlich abhebt, was in „Klara und die Sonne“ ganz vorne steht:

Freundschaft, Loyalität.

Und Hoffnung, groß und herzzerreißend im Vordergrund. Hoffnung, dieses – so heißt es einmal – „verdammte Ding, das einen nie in Ruhe lässt.“

Ishiguro hat Klara zur Erzählerin gemacht. Mit ihr lernt man Menschen kennen. Wie verzeiht man? Wodurch enttäuscht man? Klara muss noch viel lernen. Aber sie ist eine außergewöhnliche Maschine, näher an eigenen Gefühlen gebaut. Dass die 13-jährige Josie sie in der Auslage eines KF-Geschäfts entdeckt und sofort haben will, bereitet ihr echte Freude.

Klaras „Herrin“ Josie ist krank. Wegen der eingepflanzten Gene? Oft liegt sie und schläft. Sie wird sterben, sagt der Arzt. Die Mutter überlegt: Könnte Klara, wenn Josie tot ist, Josie ersetzen bzw. nachmachen bzw. sie ... fortsetzen?

Mit der Liebe scheint in der „neuen Zeit“ etwas geschehen zu sein.

Mit der Seele sowieso.

Roboter als Nachwuchs? Pflegeleichter, gesund ... Stellenweise fühlt man sich wie in einem Disney-Film. Es gibt sehr gute Disney-Filme.

Für Klara ist die Sonne ihre Steckdose, sie lebt von Solarenergie. Es ist nur logisch, dass der Sonnenschein für sie göttlich ist. (Ist er ja.) Und Gott kann man doch wohl um etwas bitten.

Die Künstliche Freundin bittet um die „Besondere Hilfe“ der Sonne: „Mach Josie wieder gesund.“ Klara bietet sich stellvertretend als Opfer an.

Das klingt lächerlich.

Hoffnung ist oft lächerlich. Verzweifeln ist nicht besser.

Wie viele Bücher hat man gelesen und schon am nächsten Tag vergessen!

Klara vergisst man nicht.


Kazuo Ishiguro:
„Klara und
die Sonne“
Übersetzt von Barbara
Schaden.
Blessing Verlag.
352 Seiten.
24,70 Euro

KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern

 

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