© APA/AFP/Scanpix/HENNING BAGGER

Literatur
02/05/2021

Neues von Murakami: Ein Kreis mit vielen Mittelpunkten

"Erste Person Singular": Alle Erzählungen in Ich-Form, immer raffiniert einfach

von Peter Pisa

Nehmen wir an, es läutet an der Tür und jemand ruft: „Mach auf, Farkas!“ Aber Sie heißen nicht Farkas.

Damit kann der Schriftsteller spielen. Vielleicht trifft man Jahre später einen Farkas. Oder erfährt, dass man doch Farkas heißt – wenn der bisher unbekannte Vater auftaucht.

Das war jetzt kein Haruki Murakami. Japan hat keinen Farkas.

Kein Konzert

Aber so in der Art funktionieren die Kurzgeschichten in „Erste Person Singular“, dem ersten neuen Buch des Japaners seit 2017. Immer wird in Ich-Form erzählt, und ob es autobiografisch ist, verrät Murakami nicht. Wahrscheinlich ist die nicht besonders außergewöhnliche Ausgangsposition aus seinem Leben.

Danach demonstriert er, warum bei ihm das Einfache das Raffinierte ist.

Zum Beispiel (und jetzt kommt echter Murakami): Er bekommt eine Einladung zu einem Klavierkonzert. Er fährt hin, ein weiter Weg, aber die Konzerthalle ist geschlossen, es gibt kein Konzert. Und?

Und er setzt sich auf eine Parkbank, ein alter Mann setzt sich ihm gegenüber und sagt: „Stell dir einen Kreis mit vielen Mittelpunkten und ohne Begrenzung vor ...“

Oder: Er liegt mit einer flüchtigen Bekannten im Bett. Sie sagt: „Macht dir das was aus, wenn ich den Namen eines anderen Mannes beim Orgasmus rufe?“

Und? Und sie schenkt ihm kurze Gedichte: Wenn jetzt / das Jetzt ist / und ich / diesem Jetzt / nicht entrinnen kann, / bleibt nur das Jetzt

Oder: Er witzelt in seiner Jugend über Charlie Parker und über seine Bossa Nova-Platte, die er angeblich (nur angebich) 1963 aufnahm.

Parker starb 1955.

Aber die Platte, die es nicht gibt, wird trotzdem gefunden.

Immer ist man mit Enträtseln beschäftigt. Acht Mal ist das ein Vergnügen, das sich nicht abnützt; seltsam.

(Vielleicht sollte man sich beim nächsten Mal als Farkas vorstellen; und einfach nur abwarten.)

 

Haruki
Murakami:

„Erste Person
Singular“
Übersetzt von Ursula Gräfe.
DuMont Verlag.
224 Seiten.
22,90 Euro

KURIER-Wertung: ****

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