© RINO BIANCHI

Literatur
08/14/2020

Morricones Musik passt zum Roman "Ein Tag wird kommen"

Die Römerin Giulia Caminito über italienische Anarchisten und eine schwarze Nonne

von Peter Pisa

Es ist ein anderes, ein weiteres „Novecento“ (1900, Film von Bertolucci). Auf Musik von Ennio Morricone muss „Ein Tag wird kommen“ leider verzichten.

Es sind nicht einfach nur Freunde (wie De Niro und Depardieu im Film).

Es sind Brüder, ungleiche liebevolle Brüder.

Kaum jemand überlebt in dem Dorf in den Marken (Serra de ’Conti) zwischen Ancona und der Adriaküste nicht – nicht die Spanische Grippe, die Kämpfe in Libyen, die kleinen Rebellionen gegen „die da oben“, den Ersten Weltkrieg.

Aber diese Brüder, die Söhne des dumpfen Bäckermeisters, bleiben am Leben.

Nicola, schwächlich, unbeholfen, ein Krumenbub, wie es im Roman heißt: ohne Kruste, „nicht einmal für die Brotsuppe hätte er getaugt.“

Nicola wird Symbol für die Überwindung von Schwäche. Ihm fühlt sich Giulia Caminito (Bild oben), die 32-jährige Römerin, die vom Berliner Wagenbach Verlag für den deutschen Sprachraum entdeckt wurde, besonders nah.

Mit dem Wolf

Nicola wird anfangs von seinem Bruder Lupo beschützt. Was kommt, nimmt Lupo in Angriff. Er ist Kraft und Feuer gegen die Obrigkeit, schon von Kind an begleitet ihn ein Wolf. Lupo wird Anarchist wie sein Großvater – wie ein Urgroßvater der Autorin: Giulia Caminito wandert auch durch die eigene Vergangenheit. Sie selbst sagt, da tue sie sich leichter, die Gegenwart sei schwieriger.

In der wenig bekannten „Settimana Rossa“ (Rote Woche, 1914) – ein Aufstand mit Ausrufung der Republik – bewegt sie sich sicher, die verbürgte Geschichte einer schwarzen Äbtissin nimmt sie mit: Aus Zeinab Alif, als Kind im Sudan von Sklavenhändlern gekidnappt, wurde die – 2011 heiliggesprochene – Schwester Maria Giuseppina Benvenuti.

Hätte nicht sein müssen, dass sie in diesem Buch Platz nimmt. Aber es passt, nicht allein deshalb, weil sie im Kloster von Serra wirkte. Sondern auch, weil sich hinter den Mauern eine Wahrheit für Nicola und Lupo versteckt.

Giulia Caminito inszeniert Historisches im erfundenen Mikrokosmos.

Die Musik von Morricones „1900“ kann man beim Lesen auflegen.


Giulia Caminito:
 „Ein Tag wird kommen“
Übersetzt von
Barbara Kleiner.
Wagenbach
Verlag.
272 Seiten.
23,70 Euro

KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern

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