Mit einem „Hirn im Glas“ durch vier Jahrzehnte

Franzobel macht sich auf die Spuren von Einsteins Hirn
Harvey gilt als unverdächtig. Man würde ihm keinen Seitensprung zutrauen. Dass er Einsteins Hirn im Keller versteckt, noch weniger

Harvey ist ein guter Mensch, anständig, ohne Fantasie, ohne Leidenschaft. Jemand, der auf keine blöden Ideen kommt. Bis Albert Einsteins Leichnam auf seinem Seziertisch liegt und der Pathologe spontan beschließt, dem Genie das Hirn zu entnehmen. Zu Forschungszwecken.

Zu seiner Überraschung ist das Hirn außergewöhnlich leicht, es „wog weniger als der Denkapparat eines durchschnittlichen Dorftrottels“. Harvey legt es fachgerecht in einem Glas mit Formaldehyd ein. „Sonst würde es unter der Last seines eigenen Gewichts zusammenfallen und bald aussehen wie eine Kuhflade.“ Damit ist er mit seinem Latein aber auch schon mehr oder weniger am Ende. Die Expertise, so ein Hirn auf seine Genialität zu prüfen, fehlt Harvey leider. Und ein Experte, der den Job übernehmen könnte, auch. Dafür ruft der Nachlassverwalter Einsteins regelmäßig an, um nach den Erkenntnissen der (nicht vorhandenen) Forschungen zu fragen.

Mit einem „Hirn im Glas“ durch vier Jahrzehnte

Franzobel: „Einsteins Hirn", Zsolnay Verlag, 543 Seiten, 28,80 Euro

Kurz: Das Hirn im Glas begleitet Harvey die nächsten 42 Jahre, was sein bisher einfaches Leben mehr als kompliziert macht. Auch, weil das Hirn mit ihm spricht. Es will zu seiner Ex-Geliebten nach Russland („wegen dieser Formel“), schimpft über Religion („war schon immer wissenschaftsfeindlich“) und den viel zu frühen Tod seines Enkels („der das Pech hatte, von vertrottelten Eltern abzustammen“). Die Versuche Harveys, Einsteins Geist mittels Religion Frieden zu verschaffen, scheitern kläglich. Auch der iranische Gemüsehändler, der eigentlich in Sachen Islam sattelfest sein müsste, ist keine Hilfe. Zuerst hält er das Hirn für selbst gemachtes Kimchi. Und rät Harvey, damit zu einem Chinesen zu gehen („die essen alles, was Potenz verspricht“), später erweist er sich in Sachen Koran als wenig trittsicher.

Gemeinsam mit dem „Hirn im Glas“ erlebt Harvey die Mondlandung, Woodstock, Watergate und drei Scheidungen. Eine unglaublich komische und gleichzeitig geistreiche Reise durch vier Jahrzehnte, in der Fiktion und Wirklichkeit verschwimmen (und sich der Leser immer wieder dabei ertappt, zu recherchieren, wo die Grenzen verlaufen).

Der echte Harvey ist 2007 gestorben. Und die Reste von Einsteins Denkorgan sind heute in einem Museum.

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