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Literatur
05/22/2021

Mathias Enard: Die Totengräber wären nicht notwendig gewesen

Wiedergeburten im französischen Venedig: Der Roman ist nicht zwingend, sondern chaotisch

von Peter Pisa

Wieso Totengräber?

Mathias Enard: „Weil sie überall sind. Wir werden alle einmal auf ihren Schultern enden.“

In Prag stieß er auf ein Gemälde, das ein Festessen zeigt: Jedes Jahr treffen sich Totengräber zu einem großen Bankett, um sich mit Speis und Trank zu trösten.

Enard: „Trösten wir uns! Freuen wir uns! Es ist eine Möglichkeit, wie das Leben über den Tod zu siegen vermag.“

So. Damit haben wir mit dem Franzosen das Unwichtige besprochen. Das relativ Unwichtigste.

Feldforschung

Zwar heißt sein Roman „Das Jahresbankett der Totengräber“. Und es werden ja auch Froschschenkel gegessen, und Trockenbohnen, die Mogettes genannt werden, blubbern im Topf und kommen auf dunkles Bot, das die Fachleute mit Knoblauch einreiben und im offenen Kamin rösten.

Aber Mathias Enard - Foto oben - geht es vor allem um die exotische Gegend, in der er aufwuchs: zwei Eisenbahnstunden von Paris Richtung Atlantik, dann ist man in Niort – alles flach dort, früher Sumpfgebiet, viele Kanäle, wie Venedig ohne Häuser.

Ins Dorf La Pierre-Saint-Christophe schickt der 49-jährige einen Studenten, der das Landleben für seine Dissertation erforschen und die Bewohner interviewen will.

Anfangs stört diesen Großstädter alles, nicht nur die roten Würmer im Bad stören ihn. Doch bekommt er immer mehr Gefühl für Land und Leute und Gemüseanbau (und Würmer).

Das ist der Rahmen.

Und schon kann Enard wieder Historisches und viele G’schichterln von Wiedergeborenen hineinlegen. Vom Pfarrer, der ein Wildschwein war. Vom dicken Wirt, der sich angesichts der Friseurin Jacqueline in ewige Verdammnis gestürzt hätte. Und so weiter. Dazwischen gibt er den Inhalt alter Volkslieder wieder. In ihnen stecken ebenfalls Abenteuer.

Für seinen vorangegangenen Roman „Kompass“ war Enard mit dem Prix Goncourt 2015 ausgezeichnet worden. (Fast) genauso gut war: „Kompass“ bekam im KURIER die Höchstwertung.

Damals hatte er es ganz ähnlich angelegt: Den Rahmen bildete ein sterbender Musikwissenschaftler in Wien, er liegt wach im Bett und denkt an Orient und Okzident, und so wird deutlich gemacht, wie sehr sie einander befruchtet haben.

Man war ein gieriger Leser: Was wird auf der nächsten Seite stehen? Der Dichter Dik-al-Dschinn, der seine Freundin verbrannte und mit ihrer Asche und Tonerde einen Becher formte, aus dem er Wein trank, Todeswein, war ein anregender Beginn gewesen.

Enard hatte ein Ziel: Mit „Kompass“ kämpfte er gegen das vereinfachte Bild eines muslimischen und feindlichen Morgenlands.

So etwas fehlt im aktuellen Buch. Es ist nicht zwingend. Es sind Fransen. Enard ist ein Erzählwüterich.

„Das Jahresbankett der Totengräber“ ist mehr als ein Roman: So macht der Verlag Werbung. Aber das stimmt nicht. Wirklich nicht.

 

Mathias Enard: „Das
Jahresbankett der Totengräber“
Übersetzt von Holger Fock,
Sabine Müller.
Hanser Berlin.
480 Seiten.
26,95 Euro

KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern

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