© Markus Rössl

Literatur
05/07/2022

"Man kann Müttern nicht trauen": Ein Abschiedsroman

Andrea Roedig schneidet ins Leben eines Phantoms und streichelt ihm am Ende die Hände

von Peter Pisa

„Wunderschrecklichschön“ hat ihr Schriftstellerkollege Christian Baron diesen Roman genannt (und verhindert, dass man sich selbst etwas einfallen lässt).

Baron hatte in „Ein Mann seiner Klasse“ den gewalttätigen, alkoholkranken Vater begutachtet.

Andrea Roedig (Bild oben) nähert sich ihrer Mutter: Sie fand einen Brief aus 1974. „Deine Mami“, steht ganz am Ende.

Sie hatte eine Mami?

Tatsächlich.

Monate später war die Mutter verschwunden, Mitte 35 war sie damals. Sie ließ Andrea, damals 12, ihren um vier Jahre jüngeren Bruder und den Ehemann zurück.

„Man kann Müttern nicht trauen“ ist das Porträt dieser Frau. Es ist auch das Porträt der Tochter, die über sie schreibt. Andrea Roedig, geboren in Düsseldorf, lebt seit 2007 in Wien und ist Mitherausgeberin der Literaturzeitschrift Wespennest.

Im Kern die Fakten, vom Beiwerk kann etwas erfunden sein: „Autofiktional“ ist der Roman. Aber bei Roedig gibt es wenig Beiwerk. Sie operiert und legt offen. Das macht den Unterschied, etwa zu den Familiengeschichten Monika Helfers („Die Bagage“ ...): Der Sound der Vorarlbergerin ist fast charmant, die Personen sitzen fast mit dir am Tisch, die Romane sind ganz und gar berührend.

Pragmatisch

Andrea Roedig schneidet stattdessen mit dem Skalpell „wunderschrecklichschön“ in ein ihr fremd gebliebenes Leben, hält sich dabei mit Tränen zurück, und auch das kann niemanden kalt lassen.

Es ist ein Abschiednehmen von einer Frau die immer mit Männern zusammen war, die sie nur pragmatisch liebte. Der erste Mann, Andreas’ Vater, hatte sich bei ihr als „Architekt“ vorgestellt. Als „Würstelarchitekt“. Seine Fleischerei ging glänzend, aber die Familie lebte zu gut.

Das Geschäft ging Bankrott, die Mutter ging fort und tauchte nach drei Jahren mit neuem Mann (und Hündchen) auf, der nur vorgab, vermögend zu sein. Und so weiter. Die Kinder hatten weiterhin nichts zu suchen bei ihr, als sie älter wurden, blieb Mutter unerreichbar.

Der Roman ist auch die Befreiung von diesem Phantom und ein bisher verwehrt gebliebenes Streicheln der Hände – trotzdem.

Denn: „Die Schuld ist ein Hund, ein räudiger, sie machts nichts besser, sie ist ein Gift ...“

 

Andrea
Roedig:
„Man
kann Müttern nicht trauen“
dtv.
240 Seiten.
20,95 Euro

KURIER-Wertung: ****

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