© Alberto Christofari

Kultur Buch
11/23/2019

Literarische Spurensuche bei den Flüchtlingskindern

Die Mexikanerin Valeria Luiselli und ihr Roman "Archiv der verlorenen Kinder".

von Peter Pisa

Vom Norden, von New York, fährt ein Auto Richtung Grenze zu Mexiko. Eine Frau (Erzählerin 1), ihr Mann, sein zehnjähriger Sohn (Erzähler 2) und ihre fünfjährige Tochter.

Sie nehmen den Sound Amerikas auf: die Sprachen, es sind 800, Tonspuren der Apachen samt ihrer Geister, und Flüchtlinge lassen sie aufs Tonband reden.

Vom Süden, von Honduras, Guatemala und El Salvador, kommen 90.000 Kinder zur amerikanischen Grenze.

Durch Wüsten und Flüsse kommen sie, zu Fuß und auf den Dächern der Frachtzüge. Sie flüchten 2013/2014 aus ihrer Heimat, weil sie nicht ernährt werden können und Drogenbanden sie für die Arbeit auf den Mohnfeldern versklaven wollen.

Meist arbeiten Verwandte in den USA, zu ihnen wollen sie, aber das muss ein Gericht entscheiden, Einzelfall für Einzelfall.

In Lagern werden sie interniert, und Amerika fragt: Was wollen die bei uns?

Amerika fragt seltener: Was hat sie vertrieben?

Sie sind: die Fremden, die Anderen, die Illegalen.

Seltener heißt es: Es sind Kinder.

Ordnung

Das ist ein Roman der Kinder, die wir behüten sollten. Beschützen. Liebhaben.

Die Mexikanerin Valeria Luiselli (Foto oben) hat es sich nicht einfach gemacht. „Archiv der verlorenen Kinder“ ist wie ein mehrstöckiges Haus. Man wird sich nie verirren, es liest sich leicht, nur ist so viel zu sehen, zu erleben, zu verstehen. Im Dachgeschoß ist der Roman hirnlastig, ein Schreiben über das Schreiben über die Flüchtlingskrise.

Aber weiter unten warten verlorene Kinder – Flüchtlingskinder, die ihre Kindheit verloren haben.

Da sind Mädchen, denen die Oma die Telefonnummer der Mutter in die Kleidung gestickt hat, damit die Grenzpolizei sie anrufen kann (aber die Mädchen schaffen den Weg nicht, sie liegen tot in der Wüste)

Und die Kinder der New Yorker Pachtwork-Familie sind ebenfalls da – das heißt: Sie sind auf der Reise weggelaufen! Was, wenn UNSERE Kinder auf der Flucht wären?

Die Eltern haben versucht, die Welt zu ordnen, zu katalogisieren, zu archivieren. Die Welt ist zu verschiedenartig, sie passt in keine noch so große Schachtel.

Da geht ja nicht einmal eine Familie hinein.

 

Valeria Luiselli: „Archiv der verlorenen Kinder“
Übersetzt von
Brigitte Jakobeit.
Kunstmann Verlag.
400 Seiten.
25,70 Euro.

KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern

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