© Philippe Matsas

Literatur
07/18/2020

Kent Haruf: Eine Stadt in der Prärie, errichtet in sechs Romanen

In "Kostbare Tage" werden letzte Gespräche geführt, auch mit Gespenstern

von Peter Pisa

Schon nach der ersten Seite wundert und ärgert man sich, weil man Kent Haruf (1943 – 2014, Foto oben) und sein in sechs Romanen aufgebautes Städtchen Holt in der Prärie von Colorado bisher links liegen ließ. Alle, alle muss man lesen.

Lustig wird es nicht mit ihm und „Kostbare Tage“, in den USA 2013 unter dem Titel „Benediction“ (Segnung) erschienen:

Der alte Eisenwarenhändler Dad Lewis erfährt vom Arzt, dass er Krebs und nur noch wenige Wochen zu leben hat. Seine Frau, die sich aufopfernd um Dad kümmert, bricht im Haus ohnmächtig zusammen und muss wegen totaler Erschöpfung ins Spital. Nachbarn kümmern sich um Dad, der gar nicht sympathisch ist. Die Tochter reist an. Der Sohn lässt sich seit Jahrzehnten nicht mehr blicken. Er ist homosexuell, Dad hatte nur böse Worte für ihn.

Es ist ein Roman des Abschiednehmens ohne Eile. Und des Mitgefühls.

Kleine Leben

Dad Lewis führt letzte Gespräche, auch mit Geistern, zum Beispiel mit seinem Vater, seiner Mutter, seinem Sohn. Bittere Gespräche.

Kent Haruf kann Liebe erforschen und Dummheit und Zorn, er macht das unaufdringlich, leise. Er kann eine Beziehung von beiden Seiten erzählen lassen, dann tun wir uns leichter beim Verstehen.

Es sind kleine Leben. Niemand ist in der Werbebranche oder ähnlichem tätig. Was die Leben nur scheinbar interessanter machen würde.

Man begegnet mehreren Bewohnern von Holt. Der neue Pfarrer predigt nicht, was seine Schäfchen hören wollen. Er hatte schon einmal, in der Hauptstadt Denver, seine Gemeinde verlassen müssen. Er predigt gegen den Krieg, fürs Hinhalten der zweiten Wange. Die Männer, so richtige Männer mit Waffen, hassen ihn dafür. Sein Sohn hasst ihn ebenfalls.

Der Pfarrer verzeiht, aber dreht sich nicht. Er segnet alle. Segnen bedeutet, mit allen Menschen verbunden zu sein.

Dazu passt überraschend ein ungewöhnlicher Soundtrack, Ottakring trifft Colorado: In Karl Hodinas Lied „Uns fehlt a klans Garterl“ heißt es:

„Uns fehlt

a Herz, das für an andern schlagen tuat

wann aner alt ist, dass man ihn net verjagen tuat ...“


Kent Haruf:
„Kostbare Tage“
Übersetzt von pocia und Roberto de Hollanda.
Diogenes Verlag.
272 Seiten.
24,70 Euro

KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern

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