Johanna Sebauers „Popóm“: Selbstgespräch einmal anders
Johanna Sebauer verarbeitet in "Popóm" gewitzt das Doppelgänger-Motiv.
Hendrik Popom hat große Flugangst, mit dem Zug fährt er nur gern in der Regionalbahn, der ICE ist ihm zu schnell. Wenn er etwas zählen muss, läuft in seinem Kopf ein Zahlenstrahl vorbei, bei jedem Zehnerschritt steht ein Baum, der bei zehn weiß, bei zwanzig ockergelb, bei dreißig fleischrosa, bei vierzig rot ist. Beim Gulasch löffelt er immer zuerst den Saft raus und von Schuhen, die ihm über den Knöchel gehen, kriegt er Gänsehaut.
Das alles erzählt er seinem Gegenüber und überraschend daran ist, dass nicht das Gesagte das Seltsamste an dem Gespräch ist, sondern eben das Gegenüber. Denn Hendrik Popom spricht mit sich selbst. Aber nicht so, wie das jeder mal so macht, sondern dieser zweite Hendrik Popom sitzt leibhaftig vor ihm. Nur um einiges älter. Und mit einem Akzent auf dem zweiten O: Popóm.
Sich selbst stalken
Letzteres findet Hendrik aber erst nach einiger Zeit des Stalkens heraus. Nachdem er den Doppelgänger im Supermarkt erstmals entdeckt hat. So beginnt nämlich Johanna Sebauers neuer Roman „Popóm“. Diese doch recht unerwartete Begegnung erschüttert ihn nachhaltig und seine Obsession mit dem Zweit-Ich, über die er sich nichts zu sagen getraut, überschattet auch seine Beziehung.
Wobei, es stellt sich heraus, das wäre eh schon wurscht gewesen. Denn Partnerin Anja ist schon länger mit einem griechischen DJ liiert und trennt sich von Hendrik. Da trifft es sich gut, dass mit dem anderen Popóm für Ablenkung im Liebeskummer gesorgt ist. Denn der Mann im saharagelben Mantel ist zwar erst abweisend, lässt sein jüngeres Ich dann aber sogar in seinem Pfeifengeschäft mitarbeiten. Aber Hendrik I merkt, dass Hendrik II ihn nicht so wirklich in sein Leben hineinlässt. Und will herausfinden, warum.
Johanna Sebauer: „Popóm“, Dumont. 224 Seiten. 25,95 Euro.
Fiktionale Realität
Johanna Sebauer, neuerdings auch KURIER-Kolumnistin, ist mit „Nincshof“ vor drei Jahren ein von Kritikern und Publikum gleichermaßen gewürdigter Erfolg gelungen. In dem Roman versucht ein munter zusammengewürfeltes Geheimkommando nach dem Motto „Mei Ruah will i hobn“ ihr eigenes Dorf der Vergessenheit anheimfallen zu lassen.
Eine skurrile Idee, wie sie auch „Popom“ nun wieder zugrunde liegt. Das Doppelgänger-Motiv ist natürlich kein neues, wie Sebauer auch ironisch einarbeitet, wenn Hendrik sich erst durch ein paar einschlägige Romane der Weltliteratur kämpft, weil ihm die ihm zugestoßene Realität doch zu fiktional erscheint.
„Popóm“ ist eine charmante Mischung aus Motiven der Zeitreise (wie viel des eigenen Lebenswegs sollte oder darf man erfahren?), der Selbstfindung (kann oder muss man sich selbst ein abschreckendes Beispiel sein?) und dem Umgang mit Zukunftsängsten, die kaum jemandem fremd sind. Das ist spannend erzählt, mit zwei sympathisch-schrägen Hauptfiguren – oder doch nur einer?
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