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Literatur

Fjodor Dostojewski, ganz anders

Sein geisteskranker Beamter in der erstmals übersetzten Urfassung: "Der Doppelgänger"

von Peter Pisa

09/25/2021, 06:00 AM

Als in Russland um 1840 der zweite Roman Dostojewskis gelesen wurde, im Almanach „Vaterländische Annalen“, lautete die Kritik:

Naja, er ist halt noch jung und macht Anfängerfehler – zum Beispiel die ständigen Wiederholungen („Ach, horch, doch einmal, alter Knabe, um Gottes willen, horch doch einmal, alter Knabe, horch doch einmal ...“). Den Namen der Hauptfigur erwähnt er 1.000 Mal, Herr Goljadkin hier und Herr Goljadkin dort, ein Profi hätte bestimmt ab und zu „er“ geschrieben.

Dostojewski, der Anfänger, hat stattdessen mit den Worten „unser Held“ abgewechselt; und zwar 250 Mal!

Man konnte damals nicht verstehen, dass das Verdoppeln absichtlich und experimentell geschah und ein Vorspiel ist für die Verdoppelung des Herrn Goljadkin.

Geschönt

„Unser Held“ ist geisteskrank, zuerst bildet er sich ein, zu deren Sicherheit ein Fräulein entführen zu müssen, danach setzt sich im Büro ein Neuer neben ihn – das ist er selbst. Allerdings erfolgreich und allseits beliebt.

Der Original-Goljadkin, ein unterbeschäftigter Beamter im zaristischen St. Petersburg, hat’s mit seiner Pedanterie nicht so weit gebracht

Dostojewski ließ sich von der Kritik verunsichern, zwei Jahrzehnte danach schrieb er „Der Doppelgänger“ schnell um, er „verbesserte“, wie er mitteilte.

Diese Erzählung kann man in insgesamt sechs Übersetzungen ab 3,99 Euro kaufen (bzw. im Internet gratis herunterladen).

Und die Urfassung? Geriet in Vergessenheit – bis sie Alexander Nitzberg ausgegraben hat (geboren in Moskau, seit zehn Jahren in Wien, 2019 mit dem Österreichischen Staatspreis für literarische Übersetzung ausgezeichnet).

Nitzberg hält die bekannte Version für „verschlimmbessert“: geschönt, gekürzt enträtselt, außerdem ist viel von der humorvoll überkandidelten Beamtensprache verloren gegangen.

Seine Fassung (also: Dostojewskis erste) ist um etwa 20 Seiten länger und weniger düster, mehr Groteske. Sätze werden gerettet wie „Wie Herr Goljadkin allein elf Pastetchen verzehrt, an dem Umstand jedoch nichts Ehrloses findet.“ Das klingt nach einem ganz anderen, bisher unbekannten Dostojewski.

Fjodor
Dostojewski:

„Der
Doppelgänger“
Übersetzt und mit Nachwort von Alexander
Nitzberg.
Galiani Verlag.
336 Seiten.
24,70 Euro

KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern

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