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Literatur
05/30/2020

Felix Mitterer, reißerisch: Sein erster und letzter Roman

Über den Afrikaner Angelo Soliman, der in Wien ausgestopft wurde: „Einen ärgeren Rassismus gibt es gar nicht“

von Peter Pisa

Es sitzt die Tochter beim Kaiserdenkmal am Josefsplatz, sie ist aus Sizilien nach Wien gekommen und hat kein Quartier für die Nacht gefunden. Morgen will sie ihren Vater suchen. Erst jetzt bekam sie alte Briefe von ihm in die Hände, in denen er ihr geschrieben hat, dass er sie liebt.

Was sie nicht ahnen kann: Ihr Vater ist ganz in der Nähe.

Im Naturhistorischen Museum.

Ausgestopft.

Spielzeug

„Ich möchte nicht aus dieser Welt verschwinden, ohne auf Mmadi Maké – wie er wirklich hieß – aufmerksam gemacht zu haben.“

Felix Mitterer (Foto oben) hatte vor 20 Jahren das Drehbuch für einen Film fertig – „aber nicht finanzierbar. Wieder einmal eine spannende, wichtige Geschichte in der Schublade verschwunden“, erzählt er im KURIER-Gespräch.

Deshalb „Keiner von euch“, der Roman über Angelo Soliman („der Mohr von Wien“), der Mitte/Ende des 18. Jahrhunderts zum begehrten Spielzeug der Mächtigen wurde.

Ein Sklave aus Nigeria, Kammerdiener im Hause Liechtenstein, Erzieher der Prinzen, gut bekannt mit Kaiser Josef II, Freimaurer, angesehen – aber nach seinem Tod (Schlaganfall, er wurde 75 Jahre alt) als Wilder präpariert und ausgestellt. Wessen Idee das war, weiß man nicht. So vieles weiß man nicht.

Erst 50 Jahre später beendete ein Brand das unwürdige Spektakel.

„Ich fand es unfassbar, dass ein Mensch nach seinem Tod ausgestopft wird und im Museum landet. Einen ärgeren Rassismus gibt es gar nicht.“

Diese Leichenschändung ist nicht unbekannt. Es gibt mittlerweile Filme, Sachbücher und einen ungarischen Roman.

Hat „Keiner von euch“ gefehlt? Das schreckliche Bild am Beginn des Buchs war gut.

Man kennt nur Angelo Solimans Eckdaten. Mitterer hat nicht nur Fehlendes in der Biografie mit spannend Erfundenem gefüllt, er hat sich nicht einmal immer an das bisschen überlieferte Biografie gehalten.

Dass Soliman mit Constanze auf der Straße schnellen Sex hatte, während Mozart im Haus „afrikanisch“ trommelte, sieht auf der Leinwand bestimmt gut aus.

Der wahnsinnige Leibarzt von Josef II., der angesichts der Klugheit des Afrikaners den Untergang der Weißen verkündet und deshalb mordet, auch die Tochter ermorden will und die österreichische Ehefrau bzw. Witwe ... das macht „Keiner von euch“ nicht gerade zum subtilen Rassismusporträt.

Felix Mitterer kann also auch reißerisch.

Was er beim Schreiben eines Romans gar nicht kann, vielleicht auch nicht wollte: verkürzen, verdichten. Da ließ er sich treiben.

Felix Mitterer: „,Keiner von euch’ ist mein erster und zugleich auch mein letzter Roman. Jetzt kommen dann wieder Stücke, denn Dialoge schreib’ ich am liebsten.“

Passt.


Felix
Mitterer:

„Keiner von euch“
Haymon Verlag.
336 Seiten.
24,90 Euro

KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern

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