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Literatur
04/16/2021

Fang Fang über Mao und die vergessenen Grausamkeiten

Der Roman "Weiches Begräbnis" verschwand in China aus den Auslagen der Buchhandlungen

von Peter Pisa

Der Titel hat zwei Bedeutungen.

„Wir haben keine Särge bereit, was machen wir jetzt?“ fragt eine Tante der Familie Lu.

„Ein weiches Begräbnis.“

„Ich will kein weiches Begräbnis. Wenn du so begraben bist, kannst du nicht wiedergeboren werden!“

So begraben: in schnell ausgehobene Gruben hineingelegt, nicht einmal von Leichentüchern umhüllt.

Mao hat 45 Millionen Menschen auf dem Gewissen. Da kamen Tischler gar nicht nach. Außerdem sind Särge teuer.

Die zweite Bedeutung: Erinnerungen können verwittern, und mit der Zeit vergehen sie. Erinnerungen bekommen ein weiches Begräbnis, wenn man sie nicht pflegt und nichts aufzeichnet.

Darüber hat Fang Fang – in Europa bekannt durch ihr Wuhan-Tagebuch, als die Pandemie ausbrach – einen Roman geschrieben, der einen kaum loslässt. Dass China weit weg ist und deshalb wenig mit uns zu tun hat, stimmt ja nicht.

Stachel

Es ist Pflicht, nichts zu vergessen: Daran hält sich die Schriftstellerin, seit sie selbstständig denken lernte. (Während der Kulturrevolution war Fang Fang zur Dummheit erzogen worden.)

Aber genauso kann es in Ordnung sein, wenn man vergisst. Wie bei Ding Zitao im Roman „Weiches Begräbnis“. Bei ihr war die Erinnerung wie ein feiner Stachel, der über dem Rücken hängt.

Gelingt es ihr, den Tod ihrer Verwandtschaft zu vergessen, wird er nicht zustechen.

Wenn er sticht, wird sie – der chinesischen Mythologie folgend – auf den 18 Ebenen der Unterwelt einiges durchmachen; zerstückelt wird sie, zu Brei zermahlen, das Herz wird herausgerissen, häuten wird man sie und so weiter.

Ab 1949 war Maos grausame „Bodenreform“: Bei Bauern wurde der Hass geschürt, sie durften sich bei den keineswegs reichen (aber gebildeteren) Grundbesitzern bedienen.

Um der Schande zu entgehen, haben sich Mitglieder der Familie Lu lieber gleich selbst umgebracht.

Ding Zitao musste die Leichen „weich“ begraben.

Der Roman erschreckte und begeisterte 2015 in China. Dann haben ihn die mächtigen Neo-Maoisten als „giftiges Kraut“ verteufelt. Das Buch verschwand aus allen Auslagen.

 

Fang Fang:
„Weiches Begräbnis“
Übersetzt von
Michael Kahn-Ackermann.
Hoffmann und
Campe Verlag.
448 Seiten.
26,90 Euro

KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern

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