© Daniela_Zedda

Literatur
04/25/2020

Eine italienische Mutmaßung über die Zeit danach

Antonio Moresco schrieb einen kurzen Roman über ein kleines Licht im Zwischenreich.

von Peter Pisa

Antonio Moresco (Foto) aus Mantua, 72 Jahre alt, ist in Italien ein bekannter Schriftsteller, der mit DeLillo und Pynchon verglichen wird. In Österreich ist er unbekannt. Noch ist fast nichts übersetzt worden.

Als Moresco den Roman „Goi increati“ (in etwa: Die nicht erschaffen wurden) schrieb, schrieb er eine Szene über ein kleines Licht, das nachts in weiter Entfernung scheint.

Verschwinden

Diese Szene hatte, wenn man so sagen darf, Anspruch erhoben, mehr als bloß eine halbe Seite lang zu sein.

Ein erfolgreiches Aufbegehren in der Literatur, es entstand die Novelle „Ein kleines Licht“ .

Eine Mutmaßung über den Ort zwischen Himmel und Erde. Ein Versuch über das Leben nach dem Leben. Ein wissendes Kopfnicken: So nah sind einander Tod und Leben.

In (scheinbarer) Alltagssprache wird erzählt, einfach wie ein Stein auf einem Grab. Wirkungsvoll wie 20 Jazzmusiker beim Begräbnis.

Erster Satz: „Ich bin hierher gekommen, um zu verschwinden – in dieser einsamen und verlassenen Ortschaft, dessen einziger Bewohner ich bin.“

(Die letzten Zeilen in dem kurzen Roman:

„Wohin gehen wir?, fragte ich ihn.

„Ich weiß es nicht.“)

Man erfährt nicht, warum sich der Namenlose zurückgezogen hat. Er redet mit den Wespen, Kröten ... aber nur die verrückten Schwalben antworten ihm.

Es gibt einen Friedhof, dort brennen sogar Kerzen. Es gibt ein nahes Dorf, wo der Mann Pasta kauft. Er hat ein Auto. Fußmärsche gestalten sich schwierig: Ein Rottweiler verfolgt ihn. Der Mann hat Angst. Der Hund ist verwundet wie er. Der Hund hat gebrochene Beine und schleppt sich vorwärts.

Die Landschaft ist voller Ruinen. Die Welt stinkt, ein Loch als WC ist Symbol dafür, dass unten Verwesung wartet.

Und in der Ferne, im Wald oberhalb einer Schlucht, brennt ein Licht. Es lässt sich nicht einschätzen, woher es stammt. Angeblich ist im Wald nichts.

Der Mann wird ein Steinhaus finden; und einen kleinen Buben, der – was für eine erste Begegnung! – gerade sein Bettzeug wäscht: Er wasche jeden Tag, verrät er, denn er mache leider nachts ins Bett ...

Der kleine Bub ist allein, er kocht, bügelt, putzt. Es gibt keine Mutter, keinen Vater. Im nächsten Dorf besucht er die Abendschule und wenn er heimkommt, schaltet er das Licht ein.

Man wird sich bald denken können, was da nicht stimmt. Das ändert nichts daran, dass man mehr verstehen will, wie die Hauptfigur, die so viele Fragen hat, sogar an einen Baum:

„Wie kann man nur so leben? Den Menschen ist das nicht möglich: Entweder sind sie lebendig oder tot ...“

Oder sie gehen, im Dazwischen, in die Abendschule (möchte man ergänzen, aber schweigt lieber und fragt sich stattdessen, ob das kleine Licht Hoffnung ist oder ins Verderben lockt).

 


Antonio
Moresco:

„Das kleine Licht“
Übersetzt von Sabine Schneider.
Septime Verlag.
160 Seiten.
20,60 Euro

KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern

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